• Wolfgang Gründinger

Holen wir uns die PV-Industrie zurück!




Deutschland war einmal Weltmarktführer in der Photovoltaik-Industrie. Dann lief China uns den Rang ab – und dominiert heute unangefochten den Weltmarkt für Solarzellen. Holen wir uns die PV-Industrie zurück!


Wer alt genug ist, blickt oft nostalgisch zurück: auf die Zeit, als deutsche Unternehmen wie Q-Cells, Solarworld oder Centrotherm zu den Weltmarktführern für Photovoltaik aufstiegen, und auch US-Solarfirmen wie FirstSolar in Deutschland ihre Fabriken errichteten. Die Nr. 1 auf dem Weltmarkt schien wie in Stein gemeißelt.


Dann betrat China die Bühne und lief Deutschland den Rang ab. Ab 2012 machte eine Fabrik nach der anderen zu. Fast die gesamte Solarindustrie wanderte nach China ab.


Heute ist China der unangefochtene Weltmarktführer. „Wir sind zu 100 Prozent von China abhängig“, sagt Mario Kohle, der Gründer & CEO von Enpal, dem Wachstumschampion der deutschen Solarbranche. Über 1300 neue Solaranlagen pro Monat installiert Enpal zurzeit - made in China. „Dass wir keine eigene Solarindustrie mehr haben, ist eine Bankrotterklärung.“


Ein paar Zahlen: Allein die chinesische Firma LONGi produziert 7mal so viele Solarmodule und 68mal so viele Solarwafer wie ganz Europa. (Solarwafer sind aus Silizium gesägte dünne Scheiben, die zu Solarzellen weiterverarbeitet werden.)


Produktionskapazitäten im Vergleich


ganz Europa:

Solarwafer: 1,25 GW

Solarmodule: 6,75 GW


Solarkonzern LONGi:

Solarwafer: 85 GW

Solarmodule: 50 GW


Quellen: PV Magazine, Reuters



Im Jahr 2020 kamen 67% aller Solarmodule aus China, so die Zahlen des Fraunhofer Instituts. Nimmt man weitere asiatische Länder hinzu, wie Japan, Malaysia, Südkorea und Vietnam, steigt der Anteil sogar auf 95%. Ganz Europa kommt nur auf 3% Anteil, die USA und Kanada auf 2%. Acht der zehn größten Solarmodul-Hersteller sind chinesisch.


Beim Polysilizium, also dem Grundrohstoff für die Solarzellen, ist die Konzentration noch extremer. Im Jahr 2021 lag der Weltmarktanteil Chinas für Polysilizium bei 76%, für Solarsilizium sogar bei 80% - und soll laut Prognosen auf über 90% in den kommenden Jahren steigen.

China dominiert den Weltmarkt nicht nur. China ist der Weltmarkt.



Vom Weltmarktführer zum Außenseiter


Die Gründe für den Abstieg Deutschland sind vielfältig. Einerseits kann China kostengünstiger produzieren: dank billiger Arbeit, billiger Energie, größeren Fabriken und gigantischer staatlicher Kreditgarantien.


Aber manche Probleme waren auch hausgemacht: Die Regierung Merkel kürzte 2012 die Einspeisevergütung für Solarstrom drastisch, sodass die heimische Industrie nicht schnell genug die Kosten reduzieren konnte – und dann von der Politik im Stich gelassen wurde. Zugleich machten auch die Unternehmen selbst einige Managementfehler. Beispielsweise schloss einer der damaligen Weltmarktführer einen langfristigen Abnahmevertrag über Silizium – rückblickend ein Verlustgeschäft, als Silizium nicht mehr knapp und teuer war, sondern reichlich und günstig angeboten wurde.


Mit der Abwanderung nach China gingen 80.000 Arbeitsplätze in der heimischen Solarindustrie verloren. Die Politik schaute zu und ließ es geschehen.


Zwar ist die Solarindustrie nicht ganz verschwunden. Einige Hersteller konnten sich halten, so etwa Solarwatt. Die schweizerische Meyer Burger baut in Sachsen ein neues Werk für Solarzellen und -module, teils in der einstigen Solarworld-Fabrik. Allerdings: Auch diese Unternehmen beziehen viele Vorprodukte aus China.



Der Unterschied zu russischem Gas


Es gibt aber einen gravierenden strukturellen Unterschied zur Abhängigkeit von russischem, saudischen oder katarischem Gas und Öl: Fossile Energierohstoffe werden verbrannt und müssen daher laufend importiert werden.


Völlig anders dagegen Solarmodule: Sind die Solarmodule erst einmal in Deutschland auf den Dächern, produzieren sie 30 Jahre lang saubere Energie aus der Sonne – keine weiteren Importe nötig! Jede weitere Solaranlage, egal ob aus China oder anderswo, erhöht also unsere Unabhängigkeit und Souveränität.



Heimische Solarindustrie wiederaufbauen

Fällt China als Lieferant einmal aus - egal ob aufgrund von Sanktionen, anderer politischer Handelsbeschränkungen, oder weil Fabriken oder Häfen wegen Covid-Lockdowns geschlossen werden - dann steht die Installation von Solaranlagen still. Und damit haben Firmen und Handwerker plötzlich keine Aufträge mehr.


Europa braucht wieder eine heimische Solarindustrie. Und zwar schon rein aufgrund Risikodiversifizierung, jenseits geopolitischer Überlegungen. Also nicht als politische Maßnahme „gegen“ China – sondern als rationale Diversifizierung der Lieferkette.


Ebenso wie Chip- und Batteriefabriken wieder gezielt angesiedelt wurden, so müssen auch Solarfabriken wieder in Europa neu Fuß fassen. Nicht unbedingt mit Milliarden an Zuschüssen, sondern vielmehr mit staatlichen Darlehen und schneller, unbürokratischer Genehmigung.


Der politische Wille formiert sich. Die EU-Kommission weist in ihrer neuen Solarstrategie der Solarproduktion eine Schlüsselrolle zu. Und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck möchte ebenfalls neue Solarfertigung staatlich unterstützen.


Jetzt müssen wir nur noch vom Wollen zum Handeln kommen. Und zwar schnell.

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