„We brought fact checkers to a cultural war“ – Warum Faktenchecks nicht gegen Verschwörungsmythen helfen

Der rasante Aufstieg der neurechten Verschwörungsszene zeigt: Mit Fakten-Checks allein kommen wir nicht weiter. Denn manchen Menschen sind die Fakten egal. Was aber tun?

Letzten Monat hatte ich auf dem Instagram-Profil von Frank-Walter Steinmeier kommentiert: „Sehr geehrter Herr Präsident, bitte laden Sie die drei Polizisten, die am Reichstag dem rechtsextremen Mob die Stirn boten, ins Schloss Bellevue ein!“ Es dauerte nicht lange, bis andere Kommentatoren ihre „Sicht“ der Dinge darstellten. Ein besonders wirrer Kommentar meinte etwa, das ganze sei nur ein inszeniertes „Märchen“ gewesen, die Leute wären ja nur auf die Treppe spaziert, um ein paar Fotos zu machen, außerdem waren angeblich auch Schauspieler dabei, und auch den Verfassungsschutz-Mitarbeiter wollte er klar erkannt haben.

Ein Märchen? Schauspieler? „Nur Fotos machen“ – als ob das ein paar naive Touristen gewesen wären, die rein versehentlich den Absperrzaun überwanden? Da braucht man schon viel Wirklichkeitsresistenz.

Ein Drittel der Deutschen glaubt den einen oder anderen Verschwörungsmythos, ergab eine aktuelle Studie. Mitnichten sind Verschwörungsideologien also ein Randproblem. Fakten? Die will man gar nicht wissen. In der von dunklen Mächten regierten Welt fühlt man sich wohler.

Am deutlichsten macht das der wohl neueste Verschwörungsmythos: Die rechtsextreme Bewegung „QAnon“ behauptet, ein pädophil-kannibalistischer Kult aus Hollywood-Schauspielern und Politikern würde Kinder in Kellern gefangen halten und foltern, um aus deren Schweiß ein lebensverlängerndes Sekret zu gewinnen. Bekämpft würde dieses Geheimbündnis einzig und allein durch US-Präsident Donald-Trump. In einer Pressekonferenz darauf angesprochen, erklärte Trump: „They like me, what I appreciate!“

Irrer kann es kaum noch werden.

Bei den Anti-Corona-Protesten tummelten sich viele Anhänger der QAnon-Bewegung zu sehen, markiert durch das „Q“-Symbol z.B. auf T-Shirts oder als Aufnäher. In Deutschland glauben geschätzt über 200.000 Menschen an QAnon – die zweithöchste Zahl an Q-Anhängern weltweit, direkt nach den USA. Deutschsprachige Telegram-Kanäle, die direkt mit QAnon in Verbindung stehen, explodierten in innerhalb der letzten fünf Monate regelrecht – einer davon wuchs beispielsweise sogar von 10.000 auf 137.000 Abonnenten. Und auf YouTube hat der Kanal „Qlobal-Change“ inzwischen über 17 Millionen Views.

Dagegen mit Faktenchecks ankommen zu wollen, wäre, als ob man den Papst davon überzeugen wollte, dass die Jungfrau Maria gar keine Jungfrau war. Oder dass Jesus gar nicht auferstanden und gen Himmel gefahren ist. Einfach aussichtslos. Wer erst einmal glaubt, eine Verschwörung entdeckt zu haben, fühlt sich als Teil einer kleinen, erleuchteten Gemeinschaft – und kann sich so über andere erheben, die in dieser Sicht zu blinden Masse gehören. Fakten, die nicht ins Weltbild passen, werden bis zur Selbstverleugnung ignoriert oder hemmungslos uminterpretiert. Ohne diese Selbstimmunisierung gegen Fakten käme ja niemand auf die Idee, an eine pädophile Hexerei-Sekte zu glauben – oder an andere Verschwörungsmythen rund um Impfungen, Migration oder Klimawandel.

Was aber tun?

Klar, etwas digitale Medienkunde schadet nicht. Plattformbetreiber sollten erheblich mehr in die digitale Mündigkeit der User investieren – etwa konsequent aufklären, wie man erfundene von echten Nachrichten unterscheidet (und in Schulen sollte das sowieso Pflicht sein, auch wenn es vor allem die Älteren sind, die Fake News weiterverbreiten).

Zudem bieten sich technische Abhilfen an. So erhielt der Messengerdienst Telegram während der letzten Monate extremen Zulauf. Auf Telegram sind Gruppen mit bis zu 200.000 Mitgliedern möglich, sodass Verschwörungsfabrikanten gern diesen Messenger für die Verbreitung ihrer Botschaften nutzen. Zum Vergleich: Bei WhatsApp ist die Gruppengröße bei 256 Mitgliedern gedeckelt. Außerdem beschränkt WhatsApp die massenhafte Weiterleitung von Nachrichten, Links oder Grafiken, was die Gerüchteküche abkühlt. Der Gesetzgeber muss auf Messenger wie Telegram einwirken, ähnliche und weitergehende Maßnahmen gegen die Verbreitung demokratiezersetzender Ideologien zu ergreifen – notfalls durch rechtlichen Zwang. Es gibt hier viel zu tun.

Die Plattformen sollten darüber hinaus deutlich mehr in die Content-Moderation investieren: mehr Personal, mit besserer Bezahlung, und mehr (z.B. psychologischer) Unterstützung. Zwar machen die Plattformen derzeit generell einen ganz guten Job bei der Erkennung und Entfernung z.B. von gewalthaltigen Inhalten, auch dank des Einsatzes von KI, aber angesichts der massiven Reichweiten müssen die Inhalte noch schneller und breiter entdeckt und entfernt werden. Dazu zählen auch falsche Inhalte, die etwa die öffentliche Gesundheit gefährden. Diese haben weder auf YouTube noch auf Facebook noch TikTok oder anderswo etwas zu suchen.

Bildung und Technik allein werden aber nicht reichen. Es ist ein Kampf um die besser Erzählung, wie die Welt funktioniert. Der US-Medienwissenschaftler Clay Shirky twitterte einmal während Trumps Präsidentschafts-Wahlkampfs: „We brought fact checkers to a cultural war“. Wir checken selbst die abstrusesten Fakten, während das die Gegenseite gar nicht interessiert. Denn die will ein Narrativ, eine Erzählung, warum sie Teil von etwas Besonderem sind (und eben nicht Teil der Masse) und warum „die da oben“ endlich weg gehören. Rechtsextreme Parteien, gewissenlose Geschäftsleute und manch ausländische Kräfte haben ein eigenes Interesse, Öl in dieses Feuer zu kippen, denn sie profitieren politisch und finanziell von der gesellschaftlichen Polarisierung.

Dabei wäre es so leicht, die Verschwörungsideologen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Der „Postillon“, ein bekanntes Satiremagazin (wie unschwer zu erkennen), brachte etwas ein (schlecht) gefälschtes Foto von Merkel und dem Rechtsanführer Attila Hildmann, und schlagzeilte: „Unglaublicher Verdacht: Wird Attila Hildmann von Merkel bezahlt, um die Querdenker-Szene lächerlich zu machen?“ Für seine Anhänger wirkte die offensichtliche Satiremeldung echt – und seine eigenen Fans attackierten Hildmann als Marionette Merkels.

Wir brauchen auch mehr Influencer, die Menschen erreichen, die nicht mehr durch klassische Medien erreicht werden. Solche Influencer werden meist nicht genuin politisch sein, sondern etwa Mode, Kosmetika oder Gaming als Hauptthemen haben. Aber genau darum geht es: Menschen zu erreichen, die sonst nicht mehr erreichbar sind. Dafür brauchen wir: eine Allianz der Influencer gegen Desinformation.