Warum Wutrentner gegen Flüchtlinge demonstrieren

In einem Hamburger Nobelviertel haben Anwohner mit drakonischen Maßnahmen den Bau eines Flüchtlingsheims verhindert. Die Wutrentner machen unser Land zu einem dunklen Ort.

Im Hamburger Villenviertel Blankenese ist das Idyll vorbei. Seitdem die Stadt den Bau von Holzhütten in einem Wäldchen am Stadtrand plant, rücken die Wutbürger zu drakonischen Protestaktionen aus. Mit Straßenblockaden, Einschüchterungen und Gerichtsbeschwerden ließen sie ihrem Egoismus vollen Lauf.

Blankenese gehört zu den Rentnerquartieren der Stadt. Über 26 Prozent der Bewohner sind hier älter als 65 Jahre – so alt ist sonst kaum ein anderer Bezirk. Es sind die reichen Alten, die auf die Straße und vor die Gerichte gehen, um denjenigen zu nehmen, die ohnehin nichts haben. Die Wutbürger sind in Wahrheit Wutrentner.

Pegida-Mentalität in Hamburg

Man sei nicht gegen Ausländer, heißt es dann, nur gegen die Rodung der Bäume zum Schutze der Flora und Fauna! Was für eine Bigotterie, zu der die alten Säcke aus Hamburg imstande sind. Wenn es um den Schutz des Planeten geht, bleiben die Wutrentner nämlich ziemlich leise. Mit dicken Autos und fetten Yachten verbrennen sie endliche fossile Rohstoffe und heizen das Weltklima auf. Für die Zukunft gehen sie nicht auf die Straße. Sondern für die Vergangenheit.

Mit dieser Mentalität der Ewiggestrigen sind die Hamburger Wutrenter nicht anders als die Pegida-Marschierer im Osten. „Wer bei Pegida mitmarschierte, stand dem Renteneintritt näher als dem Schulabschluss“, konstatiert der Journalist Sebastian Christ. „Was im Jahr 2015 stattfindet, ist ein 1968 mit umgekehrten Vorzeichen. Nicht die Studenten gehen auf die Straße, sondern Menschen, die kurz vor der Rente stehen oder schon längst nicht mehr erwerbstätig sind. Sie formulieren keine optimistischen Zukunftsvisionen von ‚Love and Peace’, sondern schreien ihren Hass und ihren Frust in den Himmel.“

Forschung: Jugendliche liberaler als Alte

Doch Hamburg ist nur ein Schauspiel für ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Denn der demografische Wandel macht etwas mit unserer Gesellschaft. Immer mehr Menschen haben den größten Teil ihres Lebens hinter sich, und sie schauen nicht nach vorne, sondern zurück. Die Alten sind in ihrer großen Mehrheit weniger liberal, weniger tolerant und weniger weltoffen als die Jungen. „Jugendliche in Deutschland legen mit Bezug auf Muslime einen offeneren und demokratischeren Umgang mit Vielfalt und Diversität an den Tag als Erwachsene“, wie dasInstitut für empirische Integrations- und Migrations­forschung an der Humboldt-Universität zu Berlin nachweist.

Beispielsweise sprechen sich mehr als 70 Prozent der 16- bis 25jährigen gegen Einschränkungen beim Bau von Moscheen oder beim Tragen des Kopftuchs an Schulen aus – im Gegensatz zu den Alten, die mehrheitlich nach Verboten rufen. Außerdem spielt nationale Symbolik bei den Alten eine weit größere Rolle als bei den Jüngeren: Den Jugendlichen ist es vergleichsweise weniger wichtig, als Deutsche wahrgenommen zu werden, bei der Nationalhymne kommen bei ihnen weniger positive Gefühle auf, und für sie ist weniger wichtig, ob ein Mensch deutsche Vorfahren hat oder nicht, um als Deutscher gelten zu können.

Sorge um die Zukunft des Sozialstaats

Ähnliche Ergebnisse liefert die Umfrage „Willkommenskultur in Deutschland“ im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Während die Alten Probleme in den Schulen, eine Belastung des Sozialstaats und soziale Spannungen als Folge der Zuwanderung fürchten, bleiben die Jungen eher gelassen. Gleichermaßen unzweideutig fällt der „Religionsmonitor 2015“ aus: Demzufolge fühlen sich Jüngere vom Islam im Allgemeinen weder bedroht noch überfremdet, wohingegen zwei Drittel der Älteren glauben, der Islam sei eine Bedrohung und passe nicht in die westliche Welt. Die große Mehrheit der Jüngeren denkt, der Islam gehöre zu Deutschland, während eine gleich große Mehrheit der Älteren genau das Gegenteil glaubt.

Es sind also vor allem die Alten, die für rechte Ideologie empfänglich sind. Und das verändert unser Land – zum Schlechteren. Die Wutrentner machen unser Land zu einem dunklen Ort.

Zuerst veröffentlicht auf vorwaerts.de