taz: Die Revolution wird nicht getwittert

Widerstand 2.0: Keine Demo ohne Twitter, kein Aufstand ohne Facebook. Doch die neue Protestkultur ist gar nicht so neu, wie altgediente Feuilletonisten glauben,  schreibe ich in einem Gastbeitrag für die taz (2.11.2010)

„Tuesday, November 11, 2008 at 00:29:55 (CET). Der erste der elf Castoren ist um 00:25 Uhr am Zwischenlager angekommen.“ Die Eilmeldung des Castor-Tickers markierte den Schlusspunkt der größten Anti-Atom-Proteste seit langem. Tagelang hatten Aktivist_innen die Züge mit der radioaktiven Fracht blockiert. Auf die Homepage der Atombewegung, auf der ein Castor-Ticker im Minutentakt über das Geschehen informierte, wurde bis zu einer halben Million Mal pro Tag zugegriffen. Erstmals nutzten die Castor-Gegner_innen Twitter, um ihre Beobachtungen in Sekundenschnelle mitzuteilen. Die Kommunikation war schneller und intensiver als je zuvor.

Wird die „Generation Internet“, wie manche glauben, irgendwann nur noch online demonstrieren? Oder ist die Jugend gar nicht so berauscht von Facebook und Twitter?

„Völlig überschätzt“, sagt Jochen Stay von ausgestrahlt.de. Zwar nutzten viele Facebook, aber mobilisiert würden sie hauptsächlich durch „bedrucktes Papier“. Von Twitter hätten zwar fast alle schon einmal gehört, aber auch unter den Jüngeren durchblicke kaum einer, wie das überhaupt funktioniert. „Die wirksamste Kommunikation läuft über unseren Radiosender und den Castor-Ticker, also eine stinknormale Homepage“, so Stay.

Am revolutionären Potenzial des Web 2.0 zweifelt auch Ricardo Remmert-Frontes, der bei der Aktion „Freiheit statt Angst“ gegen staatliche Überwachung kämpft: „Selbst eine Facebook-Gruppe mit hunderttausend Mitgliedern löst keinen Handlungsimpuls aus.“ Vielmehr dienen Facebook-Gruppen als Identitätsmarker, um sich zu einer Sache zu bekennen – wie das Logo auf dem Fußballtrikot, auch wenn man selbst nicht unbedingt Fußball spielt.

Atomgegner Jochen Stay hat seinen Twitter-Account inzwischen stillgelegt: Wenn hunderte ihre Meinung in die Netzwelt tweeten, kann niemand mehr unterscheiden, welche Meldungen wahr sind und welche falsch. „Bei Stuttgart 21 gab es laut Twitter mindestens fünf Tote“, erzählt Stay – reihenweise Falschmeldungen also. Die virtuelle Gerüchteküche kennt keine Prüfung des Wahrheitsgehalts.

Wenn nun altgediente Feuilletonisten die neuen Medien als bedeutungslos abtun, haben sie allerdings ebenso wenig vom Internet verstanden wie die Heilsbringer der virtuellen Basisdemokratie. „Durch das Internet kommen mehr Leute zu den Demos, die sonst mit Politik nichts zu tun haben“, berichtet Felix Kolb von der Aktionsplattform Campact. So stolpert jeder zweite über Facebook auf die Campact-Seite. „Wir können außerdem innerhalb weniger Tage schon mal 2.000 Menschen mobilisieren.“ Mit der Briefpost wäre das unmöglich: zu teuer, zu langsam.

„In Stuttgart flackerten über Twitter viele ermutigende und lustige Slogans“, erklärt Jochen Stay, warum er trotzdem noch gern Twitter-News liest. Und wer ein Handy mit Videofunktion hat, kann notfalls Polizeigewalt an Ort und Stelle öffentlich machen – so wie bei der „Freiheit statt Angst“-Demonstration in Berlin oder dem Wasserwerfereinsatz in Stuttgart. Das Smartphone wird so zur stärksten Waffe gegen die Willkür des Staatsapparats.

Anders als in manch betagter Kulturkritik behauptet, geht die jüngere Generation mit dem Internet unaufgeregt um. Für sie ist das Internet ein Kampfplatz wie jeder andere, weder glorifiziert noch verdammt. Ob Bildungsstreik oder Anti-Atom-Demo: Die Jungen gehen auf die Straße – mit ihrem Smartphone in der Tasche.

erschienen als Gastbeitrag in der taz, 2.11.2010