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  • Wolfgang Gründinger

Was tun gegen Corona-Verschwörungsmythen?

Aktualisiert: Nov 11



Nun hat es also auch meinen Freund Michael erwischt. Seit Wochen postet er auf Facebook nur noch Links zu dubiosen YouTube-Videos und rechnet fast täglich vor, dass die „offizielle“ Version zum Coronavirus falsch sein muss. Alles sei nur ein Komplott, vermutlich, um unsere Freiheit auszuschalten! Die Mainstream-Medien berichten darüber natürlich nur, wenn sie aus Versehen einen richtigen Experten einladen, der endlich die Wahrheit ausspricht.


Dabei ist Michael nicht dumm. Er hat studiert, ist beruflich erfolgreich, kennt sich mit Zahlen aus. Auch gebildete Menschen sind nicht immun gegen Mythen und Meinungsmache.  Wenn eine Wahrheit so komplex ist, dass man sie nicht mehr durchdringt und sich ohnmächtig fühlt, bieten Verschwörungsmythen eine vermeintlich einfache Erklärung und verleihen ein Gefühl der Stärke: Denn nun gehört man zu einer erleuchteten Minderheit, die die Wahrheit erkannt hat, im Gegensatz zu der vermeintlich törichten Mehrheit des gleichgeschalteten Volkes.


Da spielt es keine Rolle mehr, ob es wirklich wahrscheinlich ist, dass sich hundert Regierungen rund um die Welt einschließlich so unterschiedlicher Charaktere wie Donald Trump, Xi Jinping und Angela Merkel heimlich abgesprochen haben, um wahlweise eine Diktatur zu errichten, die Pharmaindustrie zu bedienen oder still und leise das Land mit 5G-Funkmasten zu überziehen. (In wieder einer anderen Version ist übrigens 5G schuld an Corona – dann dürften wir allerdings in Deutschland kein Problem haben.) Wissenschaftler:innen sind angeblich gekauft oder manipuliert und selbst die Todesopfer überzeugen nicht, weil die ja sowieso gestorben wären.


Als üblicher Verdächtiger ist schnell die Filterblase identifiziert, also die algorithmische Selektierung der Meinungen auf sozialen Plattformen und Suchmaschinen, die dann gar keine anderen Meinungen als die eigene mehr sichtbar mache. Das klingt plausibel, ist aber falsch. Seit zehn Jahren sucht die Forschung nach Beweisen für die digitale Filterblase, konnte aber keine ausfindig machen – wie ein Yeti, den alle gesehen haben wollen, den aber nie jemand finden konnte. Im Internet werden Verschwörungstheoretiker:innen quasi täglich mit Widerspruch konfrontiert, aber sie entscheiden sich aktiv dafür, lieber ihre eigenen Mythen zu glauben – ganz ohne Zutun algorithmischer Filter.


Trotzdem sorgt das Internet für eine neue Qualität bei Lügen und Legendenbildung. Über Twitter und TikTok, WhatsApp- und Facebook-Gruppen verbreiten sich Falschmeldungen in rasendem Tempo, zumal wenn sie emotional aufgeladen sind. Irreführende Videos auf YouTube erreichen ein Millionenpublikum, manchmal binnen weniger Tage. Die Weltgesundheitsorganisation warnt inzwischen vor einer „Infodemie mit Fake News“. Die Technologieberatung Gartner geht davon aus, dass wir online in naher Zukunft mehr falsche als echte Nachrichten zu Gesicht bekommen werden. Wo es früher nur einen verirrten Dorfdeppen gab, tun sich jetzt alle Dorfdeppen der Nation über Messenger und soziale Medien zusammen und bestärken sich gegenseitig in ihrer Meinung. Die „Wahrheit“ ist nur noch eine Google-Suche entfernt.


Was tun? Die Internetkonzerne gesetzlich auf Wahrheit zu verpflichten ist leider nicht so einfach wie gedacht. Google und Facebook produzieren nicht selbst Medieninhalte, sondern dienen lediglich als Plattform – zumal die wichtigsten Verbreitungskanäle inzwischen geschlossene Gruppen und verschlüsselte Messenger sind, wo eine Überprüfung von außen schwerfällt bzw. technisch ganz unmöglich ist. Zudem ist die Grenze zwischen „wahr“ und „unwahr“ oft nicht klar zu ziehen. Was Verschwörungstheorien so attraktiv macht, ist ja gerade, dass sie neben abstrusen Ideen auch ein paar wahre Fakten beimischen und so den Schein der Seriosität erwecken. Schon daher ist eine technische Lösung wie ein „Fake-News-Filter“ nicht in Sicht, zumal ein solches Instrument auch aus grundsätzlichen Bedenken gegenüber einer Zensurinfrastruktur abzulehnen ist.


Einige technische Nachjustierungen bieten sich aber an. WhatsApp beschränkt inzwischen die massenhafte Weiterleitung von Nachrichten, indem man z.B. einen Link oder eine Grafik künftig nur noch an einen Chat weiterleiten kann, und reagiert damit unmittelbar auf die brodelnde Corona-Gerüchteküche. Der Mutterkonzern Facebook hat ein Infozentrum eingerichtet, das seriöse Meldungen auf der Plattform besser sichtbar macht, und arbeitet dabei mit der Weltgesundheitsorganisation zusammen. YouTube reduziert die Reichweite obskurer Videos oder löscht sie ganz. Wofür Regierungen und Konzerne sich deutlich stärker engagieren müssen, ist die generelle Stärkung der Medienkompetenz der Bevölkerung. Sie müssen konsequent informieren, wie man Falschnachrichten erkennt und von seriösen Meldungen unterscheidet.


Am Ende werden aber auch Medienkunde und Faktenprüfer nicht reichen. Die Ausbreitung von Verschwörungsmythen ist kein Problem allein von Technik oder Bildung. Sondern sie ist ein kultureller Clash um Glaubwürdigkeit: zwischen den einen, die „denen da oben“ misstrauen und sich selbst ideologisch ermächtigen wollen, und den anderen, die glauben, mit den analogen Spielregeln des alten Medienkonsenses die Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite zu haben . Öl ins Feuer dieses Konflikts gießen rechtsextreme Parteien und russische Fake-News-Fabrikanten, weil sie von der gesellschaftlichen Polarisierung profitieren.


Die Fakten sind nur einen Klick entfernt, wenn man sie wissen will. Aber wer will schon die Fakten wissen, wenn er seine eigene „Wahrheit“ hat? Wissenschaft und Demokrat:innen müssen sich in der digitalen Medienlogik intuitiv bewegen lernen, sonst werden die anderen schneller sein: immer noch evidenzbasiert, aber vor allem mit besseren, überzeugenden Narrativen; immer noch mit Zahlen, Daten, Fakten, aber vor allem mit besseren Bildern, Videos und Emotionen.


Noch tapsen und stolpern wir in der digitalen Medienwelt etwas unbeholfen herum, wie ein Pinguin auf dem Land. Zeit, ins Wasser zu springen.


Zuerst erschienen beim Projekt Algorithmenethik der Bertelsmann-Stiftung und in einer überarbeiteten Version bei XING Klartext.


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