• Wolfgang Gründinger

Warum ich Clubhouse liebe - und es sich ändern muss


Trifft sich ein junger SPD-Mitarbeiter mit zwei Freund:innen zum Mittagessen im Regierungsviertel. Auf einmal kommen fünftausend andere Leute und hören zu, was die im Regierungsviertel miteinander quatschen. Ein paar davon setzen sich selbst mit an den Tisch, erzählen von ihrem Mittagessen und stellen Fragen. Ein Minister bekommt davon mit, stellt sich vor mit “Ich bin Hubertus” und erklärt die Impfstrategie. Mittendrin tummelt sich ein Fußball-Weltmeister möglichst unauffällig.


Klingt unmöglich? Genau das ist passiert vor einigen Tagen in der App “Clubhouse”, die vor zwei Wochen aus den USA nach Deutschland geschwappt ist. Sie funktioniert als “Only-Audio-Drop-In”: nur mit Tonspur, ohne Video, und immer live.


Klingt nach einer gewöhnlichen Telefonkonferenz mit neuem fancy Namen, ist aber viel mehr: eine Plattform, auf der sich Menschen zum Gespräch begegnen können - so authentisch und einfach wie ich mir das nicht vorstellen konnte. Ob rein als passive Beschallung in der S-Bahn-Fahrt oder beim Kochen zuhause, oder aber zum aktiven Mitreden über alle möglichen Themen von Politik über Aktien bis Fußball.


Weil man miteinander spricht statt schreibt (wie sonst auf sozialen Medien), legt man nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Missverständnisse kann man schnell klären. Shitstorms gibt es nicht, zumindest nicht in der üblichen Art und Weise.


Wie immer in Deutschland waren die Kritiker:innen sofort zur Stelle: “Die App gibt es nur auf iPhones - das schließt viele Menschen aus!”, hieß es da. Stimmt - aber Facebook begann auch nur als Projekt für Studierende in Harvard und hat heute über zwei Milliarden Nutzer:innen. Man startet mit einer kleinen Gruppe, um wachsen zu können - so verlaufen erfolgreiche Innovationen. Die Android-App ist übrigens bereits auf dem Weg.


Dreht sich da eine Filterblase um sich selbst? Ganz sicher! Aber das ist wie im normalen Leben auch. Da gehe ich ja auch nicht sonntags in die Kirche, sondern treffe meine Laufgruppe. Soziale Medien lassen die Filterblasen eher aufeinanderprallen: denn auf einmal merke ich, dass es ganz andere Leute gibt, die ganz andere Interessen und Ideen haben. So auch auf Clubhouse: da gibt es Räume für Fußball (interessiert mich nur während der Weltmeisterschaft), Buddhismus (ich mache manchmal Yoga, zählt das?) oder Beauty und Fashion (nervt mich). Dummerweise wird mir vieles davon eingeblendet, obwohl es mich nicht die Bohne interessiert. Wo ist die Filterblase, wenn man sie braucht?


Datenschutz ist natürlich ein Problem. Die App ist in ihrer momentanen Version hochgradig illegal. AGBs nur auf Englisch, kein Impressum, man kann sein Profil nicht löschen, und die App fragt alle Kontaktdaten aus dem Adressbuch ab (das kennen wir schon von WhatsApp). Diverse Verstöße gegen die europäischen Datenschutzgesetze. Das wird das Unternehmen hoffentlich eine saftige Strafe kosten. Die Datenschutzbehörden verfolgen den Fall bereits. Gut so.


Einen flauen Magen habe ich trotzdem. Denn wir wissen von anderen sozialen Medien und auch aus den Erfahrungen mit Clubhouse in den USA, worauf wir uns gefasst machen müssen: vor allem die Ausbreitung von Verschwörungsmythen, Hass und Propaganda, sobald Rechtsradikale sich der Plattform bemächtigen - dazu noch schwerer zu kontrollieren und nachzuverfolgen, weil es ja nur gesprochenes Wort ist, das nicht verschriftlicht und z.B. als Screenshot dokumentierbar ist. Nazi-Plakate erkennt man recht schnell. Aber Nazi-Sprech, vorgetragen von einer sympathischen Stimme eines echten Menschen, ist viel schwieriger zu enttarnen. Wie bekämpfen wir Hass und Hetze? Wie schützen wir marginalisierte Gruppen nicht nur, sondern lassen sie genauso teilhaben wie alle anderen auch?


Was darf gesagt werden, und was nicht? Einen unrühmlichen Präzedenzfall gibt es schon: Clubhouse sperrte den Journalisten Paul Ronzheimer, ohne Angabe von Gründen. Darf eine Plattform die freie Presseberichterstattung verbannen? Wer bestimmt, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit liegen? Nach welchen Regeln?


Ich als Nutzer kann selbst beitragen, dass Clubhouse weiter so viel Spaß und Sinn bereitet wie bisher. Ich kann Menschen auf die Plattform einladen, die nicht so privilegiert sind wie ich selbst. Ich kann an Räumen teilnehmen, in denen beispielsweise Menschen berichten, wie es sich anfühlt, in Deutschland zu leben und dunkle Haut zu haben - und einfach nur zuhören und lernen. Und ich kann mich zurückhalten, wenn ich zwar etwas zu sagen hätte, aber sonst bisher nur weiße Männer wie ich zu Wort kamen.


Wir dürfen die Verantwortung aber nicht auf die Einzelnen abwälzen. Das wäre zu bequem. Wir brauchen eine Architektur, die Diversität und Respekt fördert, und die nicht nur Werbegelder maximiert - bei Clubhouse genauso wie überall sonst. Datenschutz ist ja bereits geregelt - wir müssen ihn nur noch einfordern, bei harten Strafen und schneller Umsetzung! Ich kann für bessere Regeln für digitale Plattformen streiten und politisch Druck machen, an meinen Abgeordneten schreiben und dafür auf die Straße gehen (und die Plattformen selbst dafür nutzen). Ich kann mir sogar wünschen, dass es eine App gibt, die genauso begeistert wie Clubhouse, nur ohne Werbegelder - sondern nach dem Wikipedia-Prinzip organisiert ist.


Für mich und viele andere bereitet Clubhouse Spaß und Sinn. Sorgen wir dafür, dass es so bleiben kann.


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