Macht Deutschland zur Bildungsrepublik!

Das Knausern bei den Bildungsinvestitionen verschiebt gewaltige Lasten in die Zukunft, warnt der Autor Wolfgang Gründinger in seinem Buch „Wir Zukunftssucher“. Ein Auszug auf ZEIT Online, 3.10.2012

 

„Betreten auf eigene Gefahr“ steht auf Schildern auf dem Campus der Uni Regensburg. Würden die Studierenden die Warnung ernst nehmen, dürften sie keinen Fuß mehr auf den Campus setzen. Die Philosophische Fakultät ist mit Bauzäunen umstellt, zum Schutz vor herausbrechenden Gesteinsbrocken. Beinahe wäre selbst der Rektor von solch einem Brocken erschlagen worden, der sich aus der Betonfassade löste und neben ihm auf den Bauzaun krachte. „Das war ganz schön knapp“, erinnert sich der Rektor, der noch mit dem Leben davon kam. Jahre später ist das Gebäude immer noch marode: „Für eine Sanierung fehlt uns das Geld.“

 

Einmal kam Papst Benedikt höchstpersönlich zu Besuch an die Uni. Plötzlich wurde investiert: Das Verwaltungsgebäude wurde grau gestrichen, der Weg von der Eingangstür bis zum Audimax wurde schön gefliest. Der „Papstweg“ fällt ins Auge. Denn das Gros der Flure in der Uni besteht nicht aus glänzenden Fliesen, sondern aus Pflastersteinen, wie man sie sonst nur von Gehwegen kennt. Manche Gänge können bei Regen nicht mehr trockenen Fußes durchquert werden, weil die Bausubstanz löchrig ist und das Regenwasser durchtropft.

Die deutschen Hochschulen sollen weltweit in der ersten Liga spielen, doch gleichzeitig sparen die Politiker die Bildung kaputt. Von „Bayerns größter Bruchbude“ spricht die Süddeutsche Zeitung mit Blick auf die Uni Regensburg. Die Lehre ist sicherlich hochwertiger als der äußere Anschein der Gebäude, in denen sie stattfindet. Aber auch in den Lehr- und Studienbedingungen ließe sich vieles verbessern.

Verdichten, Verschulen, Umbenennen

Das Knausern bei den Bildungsinvestitionen verschiebt gewaltige Lasten in die Zukunft. Alle Exzellenz-Initiativen verkommen zum bloßen Ablenkungsmanöver, wenn sonst allerorten an der Zukunft gespart wird, anstatt für die Zukunft zu sparen. So mag vielleicht die schwarze Null im Staatshaushalt näher rücken, doch die wirkliche Belastung nachrückender Generationen wächst umso schneller.

Die Hochschulen werden seit den EU-Beschlüssen von Bologna 1999 von den Plänen der Bildungsreformer getrieben. Die Ideen waren gut, doch die Umsetzung missglückte: Kinderkrankheiten, die früh diagnostiziert waren, deren Behandlung aber immer wieder verschoben wurde.

Die Umstellung auf das neue System aus Bachelor und Master folgte oftmals dem Motto „Verdichten, Verschulen, Umbenennen“. Enge Stundenpläne und Prüfungswut raubten Freiräume, über den Tellerrand des eigenen Studienfaches hinauszudenken, sich Nachhilfe zu nehmen, sich erst einmal im Uni-Leben zurechtzufinden. Vor allem für Studierende aus sozial schwächeren Elternhäusern wurde das Leben noch schwieriger.

Keine Zeit für Sich-Ausprobieren und Weltverbessern

Erst recht verhindert der Leistungsstress politisches Engagement. Engagement bricht weg, weil die Studenten ihre Zeit in der Bibliothek verbringen statt beim Planungstreffen der Nachhaltigkeitsgruppe. Für Sich-Ausprobieren und Weltverbessern bleibt in einem effizienten Studium keine Zeit. Die Studenten von heute wollen zügig ihren Abschluss machen und arbeiten intensiver für die Uni als anno 1968, als sich ein verlorenes Streiksemester noch als kleiner Verlust im Vergleich zur unmittelbar bevorstehenden Weltrevolution anfühlte.

Doch im Sommer 2009 herrschte Aufruhr an den Hochschulen. Mehr als 230.000 Studenten, Schüler und Azubis gingen zum Bildungsstreik auf die Straße: für bessere Lehr- und Lernbedingungen, sozial gerechte Bildungschancen, demokratische Mitsprache und mehr Geld für Bildung. „Reiche Eltern für alle“ lautete die häufigste Parole auf den Stoffbahnen. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“

So abwechslungsreich die Plakataufschriften, so verschieden waren die Motive, wegen denen die Jungen auf die Straße gingen. Es war eine basisdemokratische Bewegung, organisiert von einem Bündnis aus über 230 lokalen Studenten- und Schülerinitiativen. Eine Bewegung, die keinen Anführer hatte, keinen neuen Rudi Dutschke , geeint nur durch ihr gemeinsames Nein zum Status Quo des Bildungssystem. Bei der Kundgebung vor dem Roten Rathaus in Berlin bekam keiner der Redner, sondern der DJ den meisten Applaus – weil Musik das einzige verbindende Element war, das die vielen Individuen einte, die keine Leitfigur hatten.

Die Reform der Reform

Die Politik reagierte paralysiert. CDU-Forschungsministerin Annette Schavan fiel nichts Besseres ein, als die Proteste als „gestrig“ abzukanzeln, und bezeichnete die Bologna-Reform als „alternativlos“. Erst als ein Experte nach dem anderen bescheinigte, dass die Studenten Recht haben, ruderte sie zurück, schob den schwarzen Peter aber den Bundesländern zu. Ansonsten spielten die Politiker die knausrige Tante, die man flüchtig kennt, die einem einen feuchten Kuss auf die Backe drückt, aber einem keinen Cent Taschengeld zusteckt.

Das Thema Bildung rückte nach vorn auf der politischen Agenda. Kaum ein Politiker traute sich, die Bildungspolitik zu verteidigen, als sei die Reform vom Himmel gefallen. Die Politiker verstanden, dass man mit schlechter Bildungspolitik Wahlen verliert. Selbst Ministerin Schavan kam nicht umhin, „handwerkliche Fehler“ beim Bologna-Prozess einzugestehen.

Freilich kann man die Ansicht vertreten, die Veränderungen gingen zu langsam oder zu zaghaft. Zugegeben: Die fundierte Weichenstellung steht noch an. Weder gegen die soziale Selektion noch gegen die chronische Unterfinanzierung der Bildung wurde genug unternommen, und auch die „Reform der Reform“ von Bologna steht erst am Anfang.

Nun muss es darum gehen, die Kinderkrankheiten der Reform zu kurieren. Ein Pakt Bologna II muss auf den Weg. Vielleicht aber braucht es erst noch mehr „gestrige“ Proteste, um eine gestrige Hochschulpolitik fit für morgen zu machen.

veröffentlicht auf ZEIT Online