Junge Rechtswähler: Verlierer des Sozialstaats

AfD und FPÖ verdanken ihre neuesten Erfolge vor allem auch jungen Wählern. Wie kann es sein, dass gerade junge Menschen eine Partei wählen, die zurück in die Vergangenheit will? Oder ist doch alles ganz anders? Eine Analyse für vorwärts.de

Es bricht mir das Herz und raubt mir den Verstand: Bei den vergangenen Landtagswahlen in Deutschland und der Bundespräsidentenwahl in Österreich wählten vor allem junge Menschen rechts – so hieß es zumindest in den Schlagzeilen. Wie kann es sein, dass junge Menschen, die noch so viel Zukunft vor sich haben, lieber in die Vergangenheit zurückwollen?

 

„Die Jungen“ sind nicht die Jungen

 

Aber halt: Es waren gar nicht „die“ Jungen, die rechts gewählt haben. Schauen wir zum Beispiel nach Österreich, wo Norbert Hofer, Anwärter der rechtspopulistischen FPÖ für das Amt des Bundespräsidenten, im Mai nur um einen Hauch die absolute Mehrheit verpasste. Die stärksten Zuläufe hatte Hofer nicht unter jungen Wählern, sondern unter mittelalten, bildungsfernen Männern zwischen 30 und 59 Jahren, die Angst vor sinkendem Wohlstand haben und nach einem Politiker suchten, der die „Sorgen von Menschen wie mir versteht“. Junge Frauen bis 29 waren dagegen sogar die stärkste Wählergruppe für Hofers Gegenkandidaten van der Bellen. 86 Prozent der Arbeiter (unabhängig vom Alter) wählten Hofer, aber 81 Prozent der Akademiker stimmten für van der Bellen.

Der Soziologe Bernhard Heinzlmaier, Vorsitzender des Wiener Instituts für Jugendkulturforschung, sagt: „Die These von den rechtsnationalen jungen Männern stimmt nur, wenn man die ‚bildungsfernen’ Schichten betrachtet.“

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(c) ORF

Nicht „die“ Jungen wählten rechts. Sondern die Verlierer des Sozialstaats, die keine Perspektive mehr haben und die sich von der Politik hinters Licht geführt fühlen. Wenn fast alle Arbeiter geschlossen die FPÖ wählen, dann muss die Sozialdemokratie sich fragen, was sie eigentlich so grundfalsch gemacht hat, dass die Arbeiter die Arbeiterpartei links liegen lassen.

Derselbe Trend bestätigt sich in Deutschland: Die Analysen der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg zeigen, dass vor allem männliche Arbeiter und Arbeitslose die AfD gestärkt haben, mit einem leicht überdurchschnittlichen Trend in der Altersgruppe zwischen 25 und 45 Jahren. Auch hier gilt, ob Ost oder West: Nicht „die“ junge Generation tendiert nach rechts, sondern die mitteljungen Männer, die wenig formale Bildung, schlechte oder keine Arbeit, und vor allem: keine Perspektiven haben.

 

Das Klima heizt sich auf

 

In meinem Buch „Wir Zukunftssucher“ hatte ich 2012 eine Vorhersage gemacht und es ist eine der Vorhersagen, von denen man lieber nicht gewollt hätte, dass sie sich bewahrheitet. Ich schrieb dort mit Blick auf rechte Strukturen unter perspektivlosen Jugendlichen:

„Das fremdenfeindliche Klima heizt sich auf. Neofaschistische Strukturen sedimentieren sich. Die Zahl gewaltbereiter Neonazis steigt. Im Osten präsentiert sich die NPD erfolgreich als die einzig wahre Interessenvertretung bei mut- und perspektivlosen Jugendlichen. Bei Kommunalwahlen ist der Zulauf gerade auch von Erstwählern zu rechten Parteien derart groß, dass sich stabile rechte Parteistrukturen etablieren. Auf dem Land wuchern rechte Kameradschaften. Der braune Terrorismus, der im Herbst 2011 für Schlagzeilen sorgte, ist ein furchtbarer Warnschuss.“

Das ist genau der Boden, von dem sich heute die neue Rechte nährt. Die Politikwissenschaft spricht von Autoritarismus: Menschen, die sich bedroht fühlen und von der etablierten Politik nichts mehr zu erwarten haben, suchen nach neuen Hoffnungsträgern, mit denen sie sich wieder stark fühlen können. Es braucht nur ein Gelegenheitsfenster, also einen Anlass wie die Debatten um Griechenland-Kosten oder Flüchtlinge, damit eine Partei diese Wählergruppen aktivieren kann. Es sind die Verlierer des Sozialstaats aus der erodierten Mittelschicht, die in der AfD genau diesen Hoffnungsträger gefunden haben. Weil keine andere Partei, und leider auch nicht die SPD, ihnen glaubhaft erscheint.

 

Wie alte Intellektuelle der AfD den Weg bereiteten

 

Bisher hatten rechte Parteien kaum eine Chance, weil ihr Personal und ihre Sympathisanten allesamt durchgeknallt waren. Das hat auch der Wähler gemerkt. Bei der AfD war das anders: Alte Ex-Politiker wie Thilo Sarrazin bereiteten den ideologischen Boden vor, denn nun durfte angeblich endlich wieder gesagt werden, was man ja angeblich vorher niemals sagen durfte. Alte Ex-Manager wie Hans-Olaf Henkel legten ihre Hand ins Feuer, dass die AfD keine rechte Partei sei. Alte (inzwischen Ex-)Journalisten wie Matthias Matussek machte sich zu Speerspitze der Pegida-Anhänger. Und alte Intellektuelle wie Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski forderten die Rettung des Abendlandes vor den hereinstürmenden Muselmanen. Alte Säckehaben die AfD salonfähig gemacht.

Es ist schon bezeichnend, dass Richard David Precht und Harald Welzer gemeinsam davor warnten, dass „alte Intellektuelle die Flüchtlingsdebatte bestimmen“, obwohl sie ja selbst mittelalte Intellektuelle sind. Mit ihrem Plädoyer, bei der Flüchtlingspolitik auf die Jugend zu hören, haben sie völlig Recht: Denn die junge Generation ist liberaler, toleranter und weltoffener als die ältere Generation, wie zahlreiche Studien und Umfragen immer wieder beweisen.

 

Einfach mal auf die junge Generation hören

 

Bei der Shell-Jugendstudie 2015 waren die 15- bis 24-Jährigen sogar so offen gegenüber Zuwanderung eingestellt wie noch nie zuvor. Und so hatte die AfD auch bei den ganz jungen Menschen wenig Zulauf: Bei den U18-Wahlen, bei denen mehrere zehntausend Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren parallel zu den tatsächlichen Wahlen teilnahmen, erhielt die AfD nur die Hälfte der Stimmen wie älteren Wählern, in Baden-Württemberg genauso wie inSachsen-Anhalt.

Auf die verkommene Jugend zu schimpfen, ist zwar seit Jahrtausenden üblich, ist aber seit ebenso geraumer Zeit keine überzeugende Strategie. Vielleicht sollte man einfach mal auf die junge Generation hören, und nicht den alten Säcken das Land überlassen. Ein überzeugter, sozialdemokratischer, wehrhafter Kurs muss her, um die Globalisierungsverlierer aus der erodierenden Mittelschicht wieder für die Demokratie zu gewinnen. Alles andere wäre fatal.

tl;dr: Nicht die Jungen, sondern die bildungsfernen mitteljungen Männer wählen rechts. Weil sie nichts mehr zu erwarten haben. Wir brauchen überzeugende sozialdemokratische Politik für die Globalisierungsverlierer.