Glück statt Geld

Vor drei Jahren haben die Vereinten Nationen der Welt einen neuen Feiertag geschenkt: Den Internationalen Tag des Glücks. Das Ziel der Politik sollte es sein, möglichst viele Menschen möglichst glücklich zu machen. Doch was macht Glück eigentlich aus? Beitrag für vorwaerts.de

Alle Länder der Welt messen ihren Wohlstand in Geldeinheiten, dem Bruttoinlandsprodukt (BIP). Wenn die Summe aller produzierten Güter und Dienstleistungen wächst, so die Annahme, geht es auch den Menschen besser. Aber „Geld allein macht nicht glücklich“, wie es der Volksmund weiß, und das BIP allein ebenfalls nicht, wie die Forschungsabteilung der Deutschen Bank zu denken gibt. Denn: Das BIP ist zwar in allen Industriestaaten über die letzten Jahrzehnte stetig gewachsen, nur die Lebenszufriedenheit und das Glücksempfinden stagniert auf dem immer gleichen Niveau.

Das hat gute Gründe, die spätestens seit dem berühmten Bericht des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ ihren Platz auf der öffentlichen Agenda haben. So kennt das BIP etwa kein Vermögen. Sollte Deutschland beschließen, ab sofort seine Produktion und alle Dienstleistungen einzustellen, sänke das BIP auf Null und das reiche Deutschland wäre theoretisch ärmer als arm. So kommt es, dass andere Länder ein höheres BIP haben können, aber trotzdem rein materiell schlechter versorgt sind. Damit der Wohlstand, den ich mir mit einer Heizung schaffe, jedes Jahr berücksichtigt wird, müsste ich mir auch jedes Jahr eine neue Heizung kaufen. Wenn es so warm ist, dass ich nicht heizen brauche, steigt das BIP gleich gar nicht erst, weil mir die Natur Wärme umsonst liefert und ich sie nicht erst einkaufen muss.

Ein zweiter Grund: das BIP erfasst die Verteilung des Reichtums nicht. Die reichsten 10% der Bevölkerung könnten über 20% des Vermögens verfügen oder über 90%, das BIP bliebe das gleiche.

Auch bei seiner praktischen Messlatte, dem Konsum, weist das BIP totale Blindheit auf. Es unterscheidet nicht zwischen erwünschtem und unerwünschtem Konsum: Ob Reichskriegsflaggen oder Erdbeereis zu den Verkaufsschlagern gehören, ist dem BIP egal. Wer Auto fährt und dabei Umwelt und Gesundheit belastet, fördert das BIP, weil er dafür Geld ausgeben muss.

Wenn Wälder abgeholzt werden, wenn Öl aus der Erde gepumpt und Kohle verfeuert wird, wenn eine Giftmülldeponie errichtet wird oder ein Atomkraftwerk explodiert, steigt das Bruttosozialprodukt. Dass aber weniger Wald, Öl und Kohle da ist, dass die Freisetzung von Treibhausgasen globale Klimaveränderungen verursacht, dass der Giftmüll die Natur zerstört, dass der nukleare Unfall ungeheure Schäden nach sich zieht, bleibt völlig unberücksichtigt, sofern sich dadurch nicht indirekt der materielle Konsum abschwächt.

Der Biologe und ehemalige SPD-Politiker Ernst Ulrich von Weizsäcker erklärt sogar: „Kleinkindern und der Umwelt geht es dann am besten, wenn sie im Bruttosozialprodukt (fast) gar nicht in Erscheinung treten.”

Was aber ist die Alternative zum BIP? Trotz diverser Expertenkommissionen ist man auch da noch etwas ratlos. Bislang versucht sich nur ein einziger Staat der Welt vehement an einer Alternative zum BIP. Als Jigme Singye Wangchuck, der damalige König der kleinen Monarchie Bhutan im Himalaya, im Jahre 1979 von Journalisten gefragt wurde, was er denn für das BIP des Landes tue, erwiderte er trotzig: Wichtiger als das BIP sei doch die buthanische Kultur! Also setzte er kurzerhand eine Kommission ein, die das Bruttoglücksprodukt ermitteln sollte. Seither reisen Interviewer durchs Land, um mittels 249 Fragen das Glück der Bhutaner zu erkunden.

Der Fragebogen ist allerdings wohl nicht gerade verallgemeinerungsfähig. „Haben Sie Anst vor Geistern?“, lautet etwa eine Frage, oder „Wie ist das Karma in Ihrem Leben?“. Auch der Besitz von Gütern wie einem Farbfernseher oder einem Festnetztelefon scheint dem Monarchen am Herzen zu liegen. In Berlin Prenzlauer Berg scheint genau das Gegenteil von dem allem fürs Glück wichtig zu sein, vermutlich abgesehen von der Frage nach dem Karma.

Glück zu messen ist schwierig, aber wichtig – damit die Politik die Wegmarken kennt. Wenn wir nicht den Planeten zugrunde richten wollen, nur um immer mehr Güter zu produzieren, die uns am Ende gar nicht glücklicher machen – dann wird das nicht mehr lange gut gehen. Denn die ökologischen Grenzen eines solchen Wachstums sind bereits erreicht.

Was also tun? Die Forscher der Deutschen Bank empfehlen: „Die Besteuerung des Einkommens“ kann „in manchen Fällen die ‚Work-Life-Balance’ verbessern“. Eine höhere Einkommenssteuer für die 60-Stunden-plus-x-Selbstausbeuter würde also vielleicht ganz gut tun. Außerdem solle rein materialistisch geprägte Werbung strenger reguliert, das Familienleben gefördert und eine umfassende Gesundheitsvorsorge angestrebt werden. Das könnte sich die Politik gerne zu Herzen nehmen.

Na dann: Einen frohen Internationalen Glückstag!