Generation Altersarmut

wissen.de:  Altersarmut ist in aller Munde. Das Versprechen einer sicheren Rente scheint gebrochen, wenn selbst die Arbeitsministerin den heutigen Normalverdiener als Rentner beim Sozialamt sieht. Wie groß ist Ihre Angst, im Alter arm zu sein?

Wolfgang Gründinger: Die Sorge vor Altersarmut ist berechtigt.  Das Rentenniveau wird in den nächsten zwei Jahrzehnten stark absinken, von derzeit 51 auf 43 Prozent. Die Rentenformel, wie wir sie heute haben, ist ungerecht, weil die Jüngeren zwar nach wie vor in die Rentenkasse einzahlen, aber nicht mehr das gleiche Rentenniveau erreichen werden. So würde ein Neurentner im Jahr 2030, der 37 Jahre lang einen Durchschnittsverdienst hatte und immer schön in die Rentenkasse eingezahlt hat, eine Rente auf dem Niveau der Grundsicherung beziehen (heute 688 Euro, die Red.). Mehr als einen Anspruch auf Sozialleistunghätten ihm die 37 Erwerbsjahre also nicht gebracht. Das ist schon eine große Ungerechtigkeit, dass wir Jungen in ein System einzahlen müssen, von dem wir wissen, dass wir kaum etwas herausbekommen.

wissen.de: Wo liegt in Ihren Augen die Ursache für die wachsende Altersarmut?

Gründinger: Die solidarische Rentenformel (Die jeweils junge Generation erwirtschaftet die Rente für die Alten, die Red.) ist durch die zahlreichen Rentenreformen in den letzten Jahren demontiert worden. Sinkende Renten sollten durch die staatlich geförderte Riesterrente ausgeglichen werden. Nach zehn Jahren sieht man jetzt aber, dass das nicht so gut funktioniert, wie man sich das vorgestellt hat. Das Vertrauen in die hohen Renditen, die sich auf dem Kapitalmarkt erreichen ließen, hat sich als zu euphorisch erwiesen. Manche, die darauf gesetzt haben, haben praktisch ihre Altersvorsorge teilweise verloren.  Dazu kommt, dass die Riesterrente nichts weiter als ein Verschiebebahnhof ist. Weder die Sparquote noch die Zahl der sparenden Haushalte ist gestiegen. Es haben lediglich die, die vorher schon gespart haben, ihre Anlagen von nicht geförderten in staatlich geförderte umgewidmet. Altersarmut kann damit nicht bekämpft werden.

wissen.deWie denn sonst? Ihre Forderung, das Beste aus dem demographischen Wandel zu machen und mehr Generationengerechtigkeit walten lassen, klingt doch recht unrealistisch. Immerhin verstehen Sie darunter, dass sich die Alten mit den Jungen solidarischer zeigen sollen. Doch können die Alten wirklich mehr in ihre Enkelgeneration investieren, wo sie doch selbst immer öfter von Armut betroffen sind?

Gründinger: Also, die heutige Rentnergeneration lebt in goldenen Zeiten – im Vergleich zu dem, was bisher war, und zu dem, was noch kommen wird. In der Gesamtheit sind die Rentner heute ziemlich gut abgesichert. So ist die Anzahl der Älteren, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, deutlich niedriger als die der Kinder oder der Alleinerziehenden, die in Armut leben. Diese sind um ein Mehrfaches stärker belastet als die Älteren. Die Armut hat sich von den Älteren auf die Jüngeren verschoben. Das muss einmal gesagt sein.

Schon in wenigen Jahren wird die Rentnergeneration längst nicht mehr so abgesichert sein wie heute. Vielen wird Altersarmut drohen. Und das liegt auch daran, dass die Löhne im unteren Bereich eher noch weiter sinken statt steigen werden, sowie an dem Trend zu befristeten und schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen, den wir heute schon haben. Die Rechnung vom fiktiven Eckrentner, der 45 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt hat, ist jedenfalls schon längst nicht mehr Realität.

wissen.de: Das heißt, Sie halten Rentenkürzungen heute für ein solidarisches Mittel, um die Altersarmut der Zukunft zu bekämpfen?

Gründinger: Nein, denn schließlich funktioniert der Generationenvertrag nicht so, dass man den heutigen Rentnern etwas wegnimmt, damit die zukünftigen mehr haben. Damit der Generationenvertrag wieder funktioniert, also auch die jetzigen Beitragszahler auf eine Absicherung im Alter bauen können, muss er erneuert werden. Die Bürgerversicherung muss kommen. Das heißt: Alle zahlen in einen Topf ein. Und zwar auch die Beamten. Zum anderen muss die von Schwarz-Rot eingeführte Rentengarantie abgeschafft werden, nach der die Renten selbst dann nicht sinken, wenn die Löhne sinken. Das ist ungerecht. Denn wenn man sagt, dass die Rentner am wachsenden Wohlstand beteiligt werden sollen, dann muss man auch sagen, wenn der Wohlstand sinkt, sinken auch die Renten.

Schuld an der steigenden Altersarmut ist auch nicht allein der demographische Wandel. Es kommt nicht darauf an, wie alt eine Gesellschaft ist, die den Wohlstandskuchen backt, sondern wie raffiniert der Bäcker ist. Heißt: Wir müssen heute in Kinderbetreuung investieren, in Bildung, in Forschung und Entwicklung, in einen demographiefesten Umbau der Infrastruktur. Dann kann auch morgen noch die Rente finanziert werden.

wissen.de: Wie sähe denn für Sie ein funktionierender Generationenvertrag aus?

Gründinger: Ich will das mal am Symbolthema Rente erklären: Wenn Belastungen auf das Rentensystem zukommen durch den Arbeitsmarkt oder den demographischen Wandel, dann sollten diese Belastungen fair zwischen Rentnern und Beitragszahlern verteilt werden. Rentenbeiträge dürften dann nur noch steigen, wenn gleichzeitig Rentensteigerungen nach oben gedämpft würden.

wissen.de: Ist Altersarmut vorprogrammiert oder ist doch noch abwendbar?

Grüdinger: Ich bin da eher pessimistisch und werde sogar ein bisschen depressiv, weil ich sehe, dass die Rente nicht solidarisch organisiert ist. Aber man kann das Rentensystem auch wieder neu gestalten, solidarischer und gerechter machen, und dafür kämpfe ich ja auch

 

veröffentlicht als Interview für wissen.de