Interview auf fluter.de: „Gemeinsam für Veränderung“

Interview auf fluter.de, dem Jugendmagazin der Bundezentrale für politische Bildung, 3.7.2013

 

FLUTER.DE: Oft hört man über uns Jüngere Begriffe wie „faul“, „politikverdrossen“ oder „gleichgültig“. Was macht meine Generation falsch?

Die heutige Jugend sammelt ihre Erfahrungen genauso wie jede Generation vorher auch. Die jungen Menschen tun viel, um sich gegen die gängigen Klischees zu wehren: Sie schuften bei unbezahlten Praktika und haben zurecht den Anspruch neben der harten Arbeit noch ein erfülltes, zufriedenstellendes Leben zu führen. Wir leben in einer Zeit, in der es in vielen Ländern schwierig ist an einen Job zu kommen. Da gehen viele Bemühungen in den Augen der älteren Generation schon mal unter. Klar, früher war es ja auch nicht so schwer eine Arbeit zu bekommen. Jugendliche reagieren darauf mit Trotz und Protesten. Der Schlüssel liegt aber darin, die ältere Generation nicht als Gegner, sondern vielmehr als Bündnispartner zu sehen, von dessen Erfahrung, Zeit und Einfluss wir profitieren können. Wir müssen es nur schaffen, dass die uns zuhören.

Ist die Jugend von heute wirklich jene Generation, die Europa verändert?

Ja, auf jeden Fall – sie hat sowohl die Möglichkeit als auch die Mentalität. Gerade junge Menschen haben noch diese Inspiration und Kreativität auch mal Schritte zu wagen, auf die vorher noch niemand gekommen ist. Das birgt natürlich auch die Verantwortung etwas zu verändern und motiviert und engagiert etwas zu bewegen. Die Kritik, die Jugend sei zu politikverdrossen, oder ein „früher haben wir noch ganz anders demonstriert“ ist auch eher hinderlich. Der Zeitgeist der Jugend ist, ganz wertfrei betrachtet, einfach ein anderer. Die Jugendlichen fragen sich ganz konkret: Was kann ich tun, wie kann ich mich einbringen? Aber zu selten schließt man sich tatsächlich zusammen, um politisch etwas zu erreichen.

Aber es gibt sie doch, die gemeinsamen Proteste für mehr Gerechtigkeit!

Das stimmt. Die Proteste, etwa die Occupy-Bewegung, waren ein lautes gemeinsames „Nein“ gegenüber dem Zeitgeist in Politik und Wirtschaft. Doch als bei den Bildungsprotesten in Berlin lange vor der Wirtschaftskrise die Parteizentralen besetzt worden sind und eine Fensterscheibe zu Bruch ging, hieß es, die Proteste der Jugend seien viel zu gewalttätig. Im Vergleich dazu kam es in Italien und Griechenland zu Straßenschlachten, bei denen Menschen gestorben sind. Ähnliches vollzog sich in Spanien. Dort haben die jungen Aktivisten, die gegen die Sparpolitik demonstriert haben, über Monate in Zelten mehr oder weniger erfolglos gecampt. Doch was machen sie jetzt? Sie gehen nicht mehr auf die Barrikaden, sondern nach Deutschland und suchen Jobs. Wichtig ist: Man muss auch mal hinfallen und sich weh tun, aber dann aufstehen und weitermachen – allen schlechten Erfahrungen zum Trotz.

Bietet denn ein Engagement innerhalb der Europäischen Union eine bessere Alternative? Also in der Art eines gesamteuropäischen Protests oder einer gesamteuropäischen Jugendbewegung?

Das ist noch unheimlich schwierig. Jeder hopst und springt herum wie in einem Flohzirkus. Dazu kommen sprachliche Barrieren und dass ein Jugendlicher in Spanien einfach andere Probleme hat als ein Jugendlicher aus Deutschland. Spanien beispielsweise hat eineJugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent. Es liegen in beiden Ländern also mitunter ganz andere Probleme vor, so dass auch ganz unterschiedliche politische Reformen benötigt werden. Darüber hinaus fehlt es an einem gemeinsamen Adressaten. Es macht keinen Sinn in Berlin gegen die Wohnungspolitik Madrids zu demonstrieren. Eine gemeinsame europäische Jugendbewegung sehe ich nicht, allenfalls einen Austausch über Netzwerke.

Vielleicht ist auch die Europäische Union als Konstrukt zu weit weg von den Menschen?

Was wirklich in der EU passiert, ist nicht transparent. Oft ist die nationale Politik schon schwer durchschaubar, Brüssel ist dann noch mal ein Stück komplizierter. Ein Beispiel: Das Parlament hat kein Initiativrecht für Gesetze, das heißt es erhält nach dem EU-Reformvertrag von Lissabon zwar mehr Mitwirkungsrechte, kann jedoch keine eigenen Gesetze einbringen. Die Kommission zieht immer mehr Macht an sich und viele Bürger fragen sich, warum sie plötzlich nach Auflagen aus Brüssel handeln müssen. Europa hat in den Köpfen der Menschen immer noch mit Skepsis zu kämpfen.

Also was bleibt dann Jugendlichen, um wirklich etwas zu verändern?

Proteste dienen dazu, auf sich und auf Missstände aufmerksam zu machen. Wenn eine unabhängige Verbraucherschutzorganisation aufdeckt, dass zum Beispiel Kit Kat, um an Palmöl zu kommen, den Regenwald abholzt, und das einen öffentlichen Boykott auslöst, stürzt die Nestlé-Aktie sofort ab. In der Wirtschaft gibt es viele Beispiele von effizienten Protesten. Es gab auch das Beispiel eines Grünen-Politikers, der zur Firma Mars ging und als erste Amtshandlung das künstliche Vanillearoma durch echtes ersetzte. Es braucht also beides, sowohl Protest von außen als auch von innen. Das Wichtigste ist, Verantwortung nicht immer auf andere abzuschieben. Nicht nur die anderen sind schuld, man muss bei sich selber anfangen. Dann sollte man sich Freunde und Gleichgesinnte mit gleichen Zielen suchen. Über das Internet ist es doch so einfach geworden sich zu vernetzen!

 

Erschienen auf fluter.de, 3.7.2013