FR-Interview: „Die Jungen werden verschaukelt“

Niedrige Renten, kaputte Umwelt – was haben junge Menschen überhaupt noch zu erwarten? Interview über das Verhältnis von Jugend und Staat in der Frankfurter Rundschau

FRANKFURTER RUNDSCHAU: Herr Gründinger, ehrlich gesagt machen Sie mir ein wenig Angst.

GRÜNDINGER: (Lacht) Das war nicht meine Absicht.

Teilkapitaldeckung bei der Riester-Rente, Nachhaltigkeitsfaktor bei der Rürup-Reform. Für die meisten 24-Jährigen sind solche Themen doch total weit weg.

Ich war wohl schon immer sehr politisch interessiert. Als Kind, das erzählt zumindest meine Mutter, habe ich „Was-ist-was“-Bücher verschlungen. Und als die Mauer fiel, da war ich sechs, habe ich mir am nächsten Tag einen Hammer geholt und alle Mauern in der Umgebung traktiert. Später, als ich schon älter war, ist mir klar geworden, dass es mit unserem heutigen Energiesystem so nicht weitergehen kann – ich nenne nur das Stichwort Rohstoffverknappung. Und irgendwann stößt man als politisch Interessierter automatisch auf die Themen Staatsverschuldung und Rente und darauf, wie die junge Generation heute verschaukelt wird.

Mit Ihrem Buch treten Sie für einen „Aufstand der Jungen“ ein. Nur ein plakativer Titel?

Wir brauchen einen solchen Aufstand tatsächlich und zwar gegen einen absolut unfairen Zustand. Es ist doch so: Wir sind eine pragmatische Generation und versuchen, aus allem immer das Beste zu machen. Wir lehnen uns nicht auf. Im Zweifelsfall wandern wir aus. Unsere Generation muss dabei aber aufpassen, dass sie nicht vergessen und von der politischen Agenda verdrängt wird.

Kommen die Jungen nicht genug zu Wort? Oder haben sie schlicht von den Themen, die sie tangieren, keine Ahnung?

Man kann von Jugendlichen nicht erwarten, dass sie informierter und engagierter sind als Erwachsene. Aber wenn ich in Schulen zu Gast bin, kriege ich schon mit, wie groß die Angst sogar schon von Schülern ist, später keine Rente mehr zu bekommen. Die Jugendlichen haben das Vertrauen in den Generationenvertrag absolut verloren.

Werden Jugend-Vertreter wie Sie in politischen Gesprächsrunden eigentlich ernst genommen oder erfüllen Sie da mehr eine Alibi-Funktion?

Ich gebe mal ein Beispiel: Es gibt einen Nachhaltigkeitsrat, der die Bundesregierung in Fragen einer nachhaltigen Entwicklung berät. Da sitzen allerlei respektable Persönlichkeiten zusammen, aber niemand unter 40. Lange Zeit gab es nicht einen einzigen Jugendvertreter. Dann haben wir – Freunde und ich – massiv Lobbyarbeit betrieben, bis endlich ein Jugendvertreter aufgenommen wurde. Der kam rein – und flog bei der nächsten Ratsrunde gleich wieder raus.

Wie stark erleben Sie den Druck auf die Parteien, die Belange der älteren Generation zu berücksichtigen?

Sehen wir uns mal die beiden letzten außerplanmäßigen Rentenerhöhungen an. Das Geld dafür – immerhin jeweils rund zwölf Milliarden Euro – hätte man auch anders verwenden können. Durch den demografischen Wandel werden wir in den kommenden Jahren rund 100 Milliarden Euro allein durch sinkende Schülerzahlen einsparen. Und da ist die Frage: Lassen wir das Geld im Topf und setzen es für eine Bildungsreform ein? Das sorgt bereits für Konfliktstoff. Ich befürchte, dass die junge Generation, schon weil sie einfach kleiner ist, den Kürzeren ziehen wird.

Was wäre anders, wenn die Jungen mehr Einfluss hätten?

Machen wir mal ein Gedankenexperiment: Wenn die Generationen der nächsten 200 Jahre heute mitwählen dürften, sähe die Politik – die Energiepolitik , die Finanzpolitik, die Renten- und Sozialpolitik – komplett anders aus. Wir würden die erneuerbaren Energien stärker ausbauen. Die Staatsverschuldung wäre viel geringer. Wir würden mehr in die Zukunft investieren.

Derzeit konzentriert sich alles Wünschen und Handeln allein auf die Finanzkrise. Wie beurteilen Sie als Jugend-Lobbyist das aktuelle Hilfspaket?

Tatsächlich ist da nicht nur viel Schatten. Schulden, die jetzt aufgenommen werden, fließen etwa in die energetische Gebäude-Modernisierung oder in Schulen. Dann wiederum gibt es die Abwrackprämie, eine unsinnige Subventionierung einer veralteten Industrie. Zudem sprechen wir über die größte Schuldenaufnahme seit Bestehen dieses Landes. Und die versucht man damit zu rechtfertigen, dass man eine Schuldengrenze ins Grundgesetz einbaut. Eine solche Grenze fordere ich auch in meinem aktuellen Buch. Nur soll die tatsächlich erst 2020 wirksam werden – wenn überhaupt.

Sie haben an Ihrem Buch vor Einbruch der Finanzkrise gearbeitet. Hätten Sie es mit dem Wissen von heute anders geschrieben?

Im Prinzip hätte ich es etwa genauso geschrieben, aber wohl noch stärker die Kapitaldeckung bei der Rentenversicherung kritisiert – ich möchte nicht wissen, wie viele Leute darauf gebaut haben, über den Kapitalmarkt ihre Altersvorsorge zu sichern,und wie viele jetzt mit leeren Taschen dastehen.

Starker Staat, zurückhaltender Staat. Wie hätte ihn die Jugend – wenn wir mal von einer homogenen Gruppe sprechen – denn gern?

Ich glaube, um die Frage nach „stark“ oder „schwach“ geht es bei der Generationengerechtigkeit gar nicht. Man muss sich fallweise angucken, wo wir den Staat brauchen und wo nicht. Bei der Kinderbetreuung, bei Schulen und Hochschulen und der Weiterbildung brauchen wir auf jeden Fall einen starken Staat. Hier ist er momentan noch viel zu schwach. Wenn man sich dann aber wieder anschaut, wie die Politik die fossil-atomare Energieindustrie und die Autobranche fördert – da weiß ich nicht, ob der Staat nicht zu viele Steuergelder in einen veralteten Sektor reinpumpt. Die ökologische Staatsverschuldung wiegt dabei tausendmal schwerer als die finanzielle. Gegenüber dem, was wir unseren Kindern da als geplünderten und zerstörten Planeten hinterlassen, ist die aktuelle finanzielle Staatsverschuldung geradezu ein Klacks.

Erschienen in der Frankfurter Rundschau, 14.4.2009