Erfahrungsbericht sdw Assessment Center

Ich bin vor kurzem bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) als Stipendiat in die Promotionsförderung aufgenommen worden. Zeit, mal über das Assessment Center zu schreiben, das man dafür durchlaufen musste, damit künftige Bewerber/innen schon mal vorab nen Eindruck bekommen können.

Vorab: Nicht alles bei der sdw ist hypermodern. Zum Beispiel: Bei der Bewerbung wollten sie ein Lichtbild auf den Bewerbungsbogen aufgeklebt haben. Nun ist es im Jahr 2013 nicht mehr üblich, überhaupt Bilder einzuschicken (aufgrund von Nichtdiskriminierungsmaßnahmen). Und zweitens ist es seit de Erfindung des Internets nicht mehr üblich, Lichtbilder aufzukleben. Ich hab das dann boykottiert, indem ich ein 5 Jahre altes Bild draufgepappt habe. Meine Alterung hat aber keiner bemerkt.

Ansonsten: Die sdw ist nicht so FDP-schnöselig, wie man vielleicht auf den ersten Blick denkt. Alles hochinteressante, hochengagierte, hochlockere Leute. Bunter Haufen, sehr gemischt. Hab’s jedenfalls nicht bereut.

 

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Das Assessment Center (AC) findet im „Schloss und Gut Liebenberg“ statt, weit draußen vor Berlin. Man fährt erstmal von Berlin aus richtig lange mit der S-Bahn hin und wird dort auf einem Parkplatz mit nem Bus abgeholt und ins Schloss gebracht. Für die lange Anreise wird man aber entschädigt durch das wirklich schöne Anwesen, umgeben von einem grünen Park und viel Ruhe (ist ja schließlich Brandenburg). Man hat auch während des AC genug Zeit, um über das Gelände zu schlendern und mal die Büffel, Schafe, Kühe und Pfauen anzuschauen. Auch mit Essen wird man hervorragend versorgt.

Das Programm war wie folgt: Am ersten Tag abends kommt bereits Aufgabe Nummer 1: Aufsatz. Man muss zwei Seiten innerhalb von ca. einer halben Stunde verfassen über ein vorher unbekanntes Thema. Unser Thema war eine Karikatur aus dem Jahr 1992, in dem die Grenzen des Wachstums am Beispiel von Trinkwasser problematisiert werden. Es geht bei dem Aufsatz wohl nicht unbedingt um das Inhaltliche, sondern man soll zeigen, ob man sich ausdrücken kann, in einer knappen Zeit sinnvolle Gedanken strukturiert zu Papier bringen kann und nicht tausendmal im eigenen Text rumstreicht.

Unmittelbar danach kommt Aufgabe Nummer 2: Gruppenarbeit. Wir waren zu dritt in einer Gruppe. Unsere Aufgabe lautete ungefähr so: „Sie haben 5000 Euro zur Verfügung und sollen damit eine Veranstaltung im Rahmen der sdw, also von Stipendiaten für Stipendiaten, organisieren. Überlegen Sie sich jeweils eine Veranstaltung, einigen Sie sich danach auf eine Veranstaltung und konzipieren Sie diese.“ Auch dabei geht es wohl nicht darum, in der knappen Zeit ein ausformuliertes Seminarkonzept auszuarbeiten, sondern gemeinsam zu überlegen: Was ist ein gutes Thema, bei dem viele mitmachen können? Wie stellen wir Interdisziplinarität her? Wie besprechen wir das eigentlich, wer übernimmt das Protokoll, sind alle Gruppenmitglieder gleichmäßig an der Ausarbeitung beteiligt, können Kompromisse gefunden werden? Usw.

Am Abend ist dann noch ein Essen und frei Wein. Man kommt auch mit den Juroren ins Gespräch, in informeller Atmosphäre. Wenn Juroren am Tisch sitzen, fühlt man sich etwas angespannt, weil die einen ja bewerten sollen, aber insgesamt ist die Atmosphäre wirklich locker und okay.

Tag 2 morgens um 7:55 Uhr wurden die Aufgaben für die Präsentationen ausgegeben, die man später im Lauf des Tages halten musste. Jeder bekommt ein Thema (bei uns waren das z.B.: Mindestlohn, Fracking, 30-Stunden-Woche u.a.) und dazu einen Packen Informationen, und soll dazu eine 5-Minuten-Präsentation ausarbeiten. Wichtig ist, dass man in der Zeit bleibt (5 Minuten sind sehr kurz!!) und das komplexe Thema entsprechend runterbricht und aufbereitet (Moderationskarten, Flipcharts usw. gibt es).

Dann gibt es noch – Aufgabe 4 – ein Einzelinterview mit zwei Juroren von 1 Stunde. Die Fragen an mich waren z.B.: Warum haben Sie sich bei der sdw beworben? Welche Krisen hatten Sie, wie haben Sie diese bewältigt? Es war kein richtiges Bewerbungsgespräch, ich habe ziemlich locker von mir erzählt, die Atmosphäre war sehr entspannt. Aber man sollte sich schon vorher Gedanken machen, warum man gerade bei der sdw ein Stipendium haben möchte, was man selbst dort einbringen kann und was die sdw für einen tun kann (außer dem finanziellen Part).

Insgesamt war die Atmosphäre, trotz der eigentlich kompetitiven Situation, extrem entspannt, kollaborativ und kollegial. Außerdem waren die Menschen keine schnöseligen FDP-Fuzzis, sondern mehrheitlich rot-grün im Herzen.

Sehr wichtig ist der sdw das gesellschaftliche Engagement und die Weltoffenheit. Man braucht sich nicht verstellen, es ist wichtig, dass ihr authentisch rüberkommt. Ich habe den Juroren meine linksromantischen Vorstellungen zu Mindestlohn und Arbeitszeitverkürzung erzählt, und das waren Menschen vom Bundesverband der Arbeitgeber. Geschadet hat’s mir nicht. Ihr braucht auch nicht auf makellose Streber-Supermänner mit kerzengerader Karriere machen. Man kann Schwächen zeigen, Fehler zugeben, und erzählen, wie man mit Niederlagen umgeht. Fail forward.

Noch ein Wort zum Dresscode: bessere Jeans, Sakko und Hemd, und man fühlt sich weder over- noch underdressed.

Wer sich bewirbt und diesen Text deswegen liest: Viel Erfolg! Keep calm and carry on.