Die Ängste der Deutschen: Leben nach dem Prinzip Weckglas

Neue Studien belegen: Die Deutschen sind zufrieden und wollen, dass das auch alles so bleibt. Ihr größter Wunsch: Steuersenkungen. Ihre größte Angst: Terror und Asylbewerber. Wir mummeln uns ein in unserer Wohlstandshochburg und wollen die Gegenwart konservieren. Das ist gefährlich.

Laut einer neuen Allensbach-Umfrage unter den 30- bis 59jährigen ist die Mehrheit zufrieden mit dem Leben in Deutschland. Den Deutschen geht es gut, und sie wollen, dass das so bleibt. Ihre wichtigste Forderung: Steuersenkungen. Energiewende, Infrastrukturpaket, Bildungsreform müssen hinten anstehen.

Wirtschaftliche Sorgen oder private Ängste haben die Deutschen hinter sich gelassen, bestätigt auch die jährliche Erhebung „Die Ängste der Deutschen“. Auf den vorderen Plätzen in der Liste der Ängste liegen die Kosten für Griechenland (64%), Terrorismus (52%) und Spannungen durch den Zuzug von Ausländern (49%). Weniger Sorgen bereiten indes eine schlechtere Wirtschaftslage oder Arbeitslosigkeit – ganz anders als noch vor zehn Jahren.

 

Unsere Gesellschaft steht still

Wir fühlen uns wohl in unserem bequemen Heim und schotten uns ab gegen das unbequeme Draußen: gegen Griechenland und Globalisierung, gegen Flüchtlinge und Freihandel. Die momentane Sympathiewelle gegenüber Flüchtlingen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ausländerfeindliche Ressentiments und virulente Überfremdungsängste tief in der Mitte der Gesellschaft verankert sind, wie Christoph Giesa in seinem Buch „Gefährliche Bürger“nachweist.

Der demografische Wandel verändert das kulturelle Leitmotiv des Landes. Immer mehr Menschen haben den größeren Teil ihrer Lebenszeit bereits hinter sich gebracht. Sie haben kein Interesse mehr an der Zukunft, sondern richten es sich bequem in der Gegenwart ein und konzentrieren sich auf die Sicherung des erreichten Status Quo. Am besten möge alles so bleiben, wie es schon immer war. Die Bundesregierung macht Politik für die Generation der Babyboomer, und die wollen keine Wunder und keine Experimente, sondern ihre Ruhe.

Die Sehnsucht nach Beständigkeit in einer Welt, die sich immer schneller dreht, hat den modernen Empörungseifer hervorgebracht und den einstigen Fortschrittseifer verdrängt. Weil zu viele nicht mehr neugierig sind, sondern gerne alles so beibehalten wollen, wie sie es kennen, steht unsere Gesellschaft still.

 

Politik simuliert zu handeln, tut es aber nicht

Aus Angst vor der Reaktion des Volkes haben die Parteien ihre Strategie der politischen Kommunikation verändert. Seit den Reformwehen der Agenda 2010 lautet das Erfolgsrezept, die Wähler nicht mehr mit Reformen zu stressen. Die Politik ist auf Harmonie angelegt, die dem Wähler nichts mehr zumuten will. Die Strategie der „asysmmetrischen Demobilisierung“ ist zum Kern der strategischen Entpolitisierung in der Ära Merkel geworden. Die Politik verspricht, die Menschen vor der bedrohlichen Zukunft zu beschützen und die beschauliche Gegenwart zu bewahren. Sie bedient die Sehnsucht nach Vertrauen und Sicherheit, und simuliert Aktivität und Handlungsmacht, ohne aber aktiv zu sein oder zu handeln.

Wir Bürger haben uns auf unserer kleinen privaten Scholle eingenistet und möchten bitte nicht behelligt werden. Der Mehrheit geht es ganz gut, zufrieden blickt man auf sein Leben, und das möge bitte auch so bleiben. Angela Merkel als Mutter aller deutschen Porzellankisten wird schon dafür sorgen, dass auch morgen das Essen auf dem Tisch steht. Weckrufe wollen wir keine, eher ein Weckglas, in dem die Gegenwart für immer luftdicht verschlossen und eingelagert werden kann.

 

Die Scheu vor den Fragen der Zukunft

Es stimmt ja: Die wirtschaftliche Lage ist erstaunlich gut, besser als vor zehn Jahren, und besser als in den meisten unserer Nachbarländer. Man braucht daher keinen Abgesang auf Deutschland vortragen. Aber zweifellos kommen härtere Jahre, und wir müssen viele Fragen fundamental neu beantworten: die Frage nach Freiheit, Privatsphäre, geistigem Eigentum, Bildung, Gerechtigkeit, Europa. Doch was machen wir? Wir legen die Hände in den Schoß, als ob nichts wäre: Läuft doch, das Bier schmeckt, und Mutti wird’s schon richten.

Wenn wir uns aber satt und selbstgefällig zurücklehnen und sagen: „Es geht uns doch gut!“, dann verpassen wir es, rechtzeitig die Weichen dafür zu stellen, dass dieses Land wieder zu einer Nation am Puls der Zeit wird. Und dann wird das Erwachen aus der Schönfärberei umso bitterer sein. Die größten Fehler macht man meist dann, wenn es einem gut geht.

 

Wie lange trägt die Wohlfühlwelle noch?

Dazu bedarf es vielleicht eines Rucks, zumindest aber vieler kleiner Schritte in die richtige Richtung. Zurzeit allerdings machen wir zu viele Schritte in die falsche Richtung – oder gar keine. Wir surfen auf der Wohlfühlwelle und sonnen uns in der Politik der ruhigen Raute. Wir leben in einem lebens- und liebenswerten Land, doch wir sollten auch alles dafür tun, dass dieses Land auch so lebens- und liebenswert bleibt.

Willy Brandt hat einmal gesagt: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie selbst zu gestalten.“ Da bleibt die Frage, wer die Zukunft überhaupt noch gestalten will. Und wer überhaupt noch ein Interesse an der Zukunft hat.

zuerst veröffentlicht auf vorwaerts.de, 8.9.2015