Demografie: „Die schon wieder!“


Sie sind viele, sie sind reich, und sie sind mächtig: Die Babyboomer bestimmen, wo es langgeht – in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kultur. Warum kommen die Jüngeren nicht gegen sie an? Eine Polemik von Anita Blasberg in der ZEIT

 

 

Früher waren es die Kinder, die eine Party schmissen, und die Eltern, die das Desaster beseitigten. Die Babyboomer haben es geschafft, das Verhältnis umzukehren.

Zu jeder Zeit ihres Lebens profitierten sie von gut finanzierten Staatsprogrammen: Als sie jung waren, wurden für sie die Universitäten ausgebaut, das Bafög wurde erfunden. Als Berufstätige freuten sie sich über massive Steuersenkungen. Als Ältere kommen sie in den Genuss eines historisch einmaligen Versorgungswesens. Zum Dank haben sie den Staat zurückgebaut, wo sie nur konnten. […]

Mich überrascht es nicht, dass sich inzwischen in halb Europa der Protest der Jungen formiert. In Spanien erheben sich die Indignados, in Italien rennen die Studenten an gegen „die Gerontokratie“. Doch sie haben keinen neuen Che Guevara, sie haben keinen neuen Rudi Dutschke.

Die jungen Deutschen haben nur Wolfgang Gründinger.

In Jeans und gemütlicher Strickjacke sitzt Gründinger in einem Café in Berlin-Mitte. Er nennt sich „Lobbyist für die Zukunft“.

Gründinger ist ein 28-jähriger Rentenexperte, er ist der Sprecher der „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“ und hat ein Buch geschrieben, dasAufstand der Jungen heißt. Gründinger fordert ein Wahlrecht von Geburt an, er fordert eine neue Rentenformel. Er sagt: „In der Krise wurden Abwrackprämien gezahlt, aber man hätte auch in die Zukunft investieren können, in Kinderbetreuung, Schulen, Universitäten.“

Gründinger hat für seine Arbeit den Demografie-Preis und den Preis für Generationengerechtigkeit erhalten, er trägt die Titel „Leading Changemaker“ und „Leader of Tomorrow“. Die meisten Auszeichnungen haben ihm Menschen über 50 verliehen. Sie beklatschen ihn wie ein tüchtiges Kind – und ignorieren dann seine Vorschläge.

Als Gründinger einmal in der Talkshow von Maybrit Illner saß, stellte die ihn vor mit den Worten, er sei „27 Jahre jung“. Neben ihm saßen die Bundesministerin Ursula von der Leyen (54), der Wirtschaftsforscher Michael Hüther (50), der Linken-Politiker Klaus Ernst (58). Das Thema hieß „Arm im Alter“. Gründinger sagte: „Wir Jungen glauben doch sowieso nicht mehr an unsere Rente, der Generationenvertrag ist gekündigt – von den Alten.“ Die Runde lächelte gequält.

Als Gründinger geboren wurde, hieß der Arbeitsminister Norbert Blüm, er sagte, die Rente sei sicher. Als Gründinger Abitur machte, forderte die Regierung die jungen Menschen plötzlich auf, ihr Geld am Kapitalmarkt anzulegen, weil auf die Rente kein Verlass mehr sei. Inzwischen liest Gründinger in der Zeitung, einige dieser Anleger müssten über 100 Jahre alt werden, wollten sie ihr eingezahltes Geld je zurückerhalten.

„Aber warum“, fragt Gründinger, „darf man in Deutschland gewisse Dinge nicht aussprechen?“

Nach jedem Auftritt überschwemmen ihn analoge Shitstorms in Sütterlin. Briefe mit wüsten Beschimpfungen, dick unterstrichenen Großbuchstaben. „Junge, geh lieber arbeiten, lern was Vernünftiges“, bekommt Gründinger zu lesen.

„Die Alten haben eben Zeit“, sagt Gründinger. Und sie haben eine mächtige Lobby: Der deutsche Rentnerverband VDK (Verband der Kriegsbeschädigten) hat 1,6 Millionen Mitglieder. Gründingers Stiftung hat noch nicht einmal ein Büro in Berlin. […]

Ich frage mich, warum handeln sie nicht nach diesem Wissen? Warum ziehen sie stets die Gegenwart der Zukunft vor?

Wolfgang Gründinger sitzt in dem Café in Berlin und zuckt mit den Schultern. Jeden Monat zahlt er 60 Euro in seine Riester-Rente ein. Er sagt, er wolle keinen Krieg führen gegen die Alten. Er wolle nur ernsthaft diskutieren, wie es weitergeht.

Gründinger ist das, was Sozialforscher seiner gesamten Generation attestieren: pragmatisch.

Mehr als alles andere haben wir Jungen gelernt zu funktionieren, die Erwartungen der Älteren zu erfüllen. Seit dem 11. September kennen wir nichts anderes als Krise: Afghanistankrise, Irakkrise, Wirtschaftskrise, Bildungskrise, Finanzkrise. Wenn das stete Aufwärts die Generation der Babyboomer prägte, dann formte uns der Bruch, die Gewissheit, dass nichts mehr bleibt, wie es war. Strotzen die Babyboomer vor Zuversicht, nagt an uns der Zweifel.

Früher waren die Alten pragmatisch und die Jungen idealistisch.

Heute sind die Jungen desillusioniert. Sie wagen es nicht einmal mehr zu kämpfen.

Es ist absurd: Während die Jungen vor der Zeit altern, genießen die Alten die Privilegien der Jugend – Unbekümmertheit und Unvernunft.

 

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