Demografie: Die Ohnmacht der Jungen

Reportage in der Wirtschaftswoche von Cornelia Schmergal (hier online)

 

 

Die Politik umgarnt mit höheren Renten die Alten. Die Zeche soll die nächste Generation zahlen. Widerstand gibt es kaum: Gegen die zahlenmäßige Übermacht der Senioren haben die Jungen keine Chance. […]

2013 wird gewählt, und wieder gibt es einiges zu verteilen. Ursula von der Leyen hat die Altersarmut zum drängendsten Thema erkoren – dabei ist derzeit keine Gruppe weniger auf Hilfe vom Sozialamt angewiesen als die Senioren. Sie will magere Altersrenten aufstocken, selbst wenn ihr Modell am Ende nicht mehr Zuschussrente heißt. Und dabei allein soll es nicht bleiben: Auch wer Angehörige pflegt, könnte eine höhere Altersversorgung bekommen. Die Frauenunion drängt, außerdem die Renten aller Mütter zu erhöhen, die ihre Kinder vor 1992 geboren haben. Anderenfalls will sie dem Betreuungsgeld nicht zustimmen, das außer der CSU ohnehin niemand in Berlin will. Am 4. November werden CDU, CSU und FDP im Koalitionsausschuss über ihr schwarz-gelbes Wohlfühlpaket beraten.

Nach Schätzungen summieren sich die Kosten auf einen zweistelligen Milliardenbetrag jährlich. Irgendwer wird schon dafür aufkommen. Irgendwann. Ihre Präsente finanziert die Regierung auf Pump. Mögen die Steuerschätzer in dieser Woche auch ein Allzeithoch bei den Haushaltseinnahmen verkünden – neue Schulden plant Schwarz-Gelb auch im Wahljahr.

Störe meine Greise nicht

Dabei liegt die Staatsverschuldung schon jetzt bei über zwei Billionen Euro und wächst pro Sekunde um weitere 1335 Euro. Bereits heute fließt mehr als ein Drittel des Bundeshaushaltes nicht in Zukunftsinvestitionen, sondern geht für Zinsen und Rentenzuschüsse drauf. Dabei haben die Jungen längst das Gefühl, dass sie auf sichere Renten und eine gute Infrastruktur selbst nicht mehr hoffen dürfen. Die Politik wendet sich lieber den Alten zu, auch aus eigenem Interesse: Schon heute ist jeder dritte Wähler älter als 60. Bis 2050 wird sich ihr Anteil noch verdoppeln. Und anders als die Jungen pilgern die Senioren auch treu ins Wahllokal. Das Motto des Wahlkampfes lautet daher: Störe meine Greise nicht. Schon gar nicht mit Debatten über hohe Schulden oder die Finanzierung sozialpolitischer Mildtaten. […]

Im Bundestag sind die Jungen eine Randgruppe. Die unter 30-Jährigen besetzen nur 1,9 Prozent aller Sitze unter der Reichstagskuppel, die unter 40-Jährigen nur 19,5 Prozent. Auf den Wahllisten stehen sie weit unten. Ein Leben zwischen Praktika und befristeten Jobs, zwischen Umzügen und Auslandsaufenthalten lässt es nicht zu, an jedem zweiten Dienstag bei der Sitzung des heimischen Ortsvereines zu präsidieren. Der Erfolg der Piraten lässt sich auch damit erklären, dass ihr Liquid Feedback die einzige Partizipationsform für den modernen Jobnomaden ist. […]

Was reifere Aggressivität bedeutet, das hat auch Wolfgang Gründinger erlebt. Wenn er in Talkshows für die Rechte der Jungen wirbt, überschütten ihn aufgebrachte Senioren mit Mails, er unterstelle dem eigenen Opa, auf Kosten der Enkel zu leben. Und wenn er sagt, die Rente mit 67 sei gar nicht so schlecht, dann schimpfen graumelierte Gewerkschafter, er solle „erst einmal lernen, was Arbeit ist“. Gründinger nimmt es gelassen: „Die älteren Leute werden von der Angst getrieben, die Jüngeren wollten ihnen die Rente wegnehmen“, sagt er. Dabei gehe es nur um Fairness für alle Generationen.

Aufstand verschoben

Der 28-Jährige ist Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Dies ist der bekannteste außerparlamentarischen Thinktank in Sachen Generationengerechtigkeit – und doch dürfte auch er vor allem Eingeweihten ein Begriff sein. Die Arbeit ist zäh. Nur eine Halbtagskraft und ein kleines Büro in Stuttgart kann sich die Organisation leisten. In Berlin arbeitet Gründinger meist im Café Kaffe um die Ecke. WLAN gibt es hier umsonst.

Gründinger hat jetzt ein neues Buch geschrieben, ein kluges dazu. Es heißt „Wir Zukunftssucher – wie Deutschland enkeltauglich wird“, und es geht darin auch um die Frage, ob die Jungen überhaupt noch politisch ticken. „Der Geist der Veränderung liegt in der Luft. Die Bereitschaft zum Widerstand wächst“, notiert Gründinger. Die Jugendbewegung sei existent, sie habe sich nur verschoben. Weg von Parteien, hin zu Sozialunternehmern, Protestcamps oder Hip-Hop-Bands. „Der Aufstand der Jungen hat gerade erst begonnen“, lautet Gründingers Fazit.

Erst im September hat er sein Buch in der Hauptstadt präsentiert. Der Veranstalter hatte dazu einen kleinen Saal am Brandenburger Tor bereitgestellt und Dutzende Einladungen verschickt.

Am Ende erschienen genau vier Journalisten. An den Aufstand der Jungen wollte sonst niemand glauben.

vollständige Reportage lesen…