Das Marshmallow-Prinzip: Warum unser System die die Reichen reich und die Armen arm macht

 

Schon mal vom Marshmallow-Experiment gehört? Ein Wissenschaftler gab einem Kind einen Marshmallow, und versprach ihm einen zweiten, wenn es den Marshmallow für 15 Minuten nicht isst. Und fand heraus: Kinder, die genug Willenskraft besaßen, nur eine kurze Zeit zu warten, waren später besser bei Prüfungsergebnissen, Bildungsgraden, Body-Mass-Index und weiteren Indikatoren. Man muss nur genug Willen haben, dann klappt es auch mit dem Erfolg im Leben! Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!

Das Stanford Marshmallow Experiment wurde weltberühmt. Das Problem nur: Es ist falsch. Denn man hatte vergessen, eine wichtige Variable zu checken: den sozialen Hintergrund der Eltern. Und siehe da: Kinder aus materiell wohlversorgtem Elternhaus konnten auf den Marshmallow warten, Kinder mit armen Eltern nicht.

Die Erklärung ist einfach: Arme Menschen haben gelernt, mit Knappheit zu leben – und sie nehmen lieber das, was da ist, sofort – bevor es zu spät ist. Der Harvard-Ökonom Sendhil Mullainathan und der Princeton-Psychologe Eldar Shafir beschreiben in ihrem Buch Scarcity: Why Having Too Little Means So Much detailliert, warum Armut Menschen dazu treibt, kurzfristig zu denken: Denn in ihrer Realität wartet keine Belohnung. Für arme Menschen gibt es einfach keinen zweiten Marshmallow.

Trotzdem blickt die Mittelschicht moralisch überheblich auf die Armen hinab: Die müssten sich ja nur mehr anstrengen! Dabei ist Armut kein Mangel an Charakter, sondern ein Mangel an Geld.

 

Poverty isn’t a lack of character. It’s a lack of Cash.

– Rutger Bregman

 

Der Glaube, dass Leistung sich lohnt, ist so verbreitet wie falsch. Reiche tun so, als hätten sie mehr geleistet. Haben sie aber nicht!

Reiche Menschen glauben sogar dann, dass sie ihren Erfolg ihrer Leistung zu verdanken haben, wenn sie zwangsläufig wissen müssten, dass dies nicht stimmt! Das zeigt eine Studie der University of California in Berkeley: Die Forscher ließen Probanden Monopoly spielen, aber unter unterschiedlichen Bedingungen – die einen erhielten ein doppelt so hohes Startkapital wie die anderen, außerdem ein doppelt so hohes Gehalt, wenn sie über “Los” gingen, und würfelten mit zwei Würfeln statt mit einem. Sie mussten also gewinnen, weil das Spiel offensichtlich manipuliert war. Trotzdem erklärten sie nach Ende des Spiels, dass sie gewonnen hätten, weil sie besser gespielt hätten

Die reichen Spieler wurden außerdem im Laufe des Spiels unsozialer. Sie bedienten sich deutlich häufiger an bereitgestellten Brezeln (entnahmen also mehr von gemeinsamen Ressourcen für sich selbst), machten sich über die Armut der anderen lustig, und demonstrierten ihre Überlegenheit durch lauten Tonfall, Jubeln und das demonstrative Zählen ihres Geldes. Geld macht unmoralisch.

Reiche Menschen glauben, das Gesetz brechen zu dürfen. Auch das zeigt eine weitere Studie der UC Berkeley. Die Forscher filmten einen Zebrastreifen und registrierten, welche Autos anhielten, um einem Fußgänger den Übertritt zu gewähren – wie es das Gesetz vorschreibt. Das Ergebnis: Je teurer das Auto, desto öfter brach der Fahrer das Gesetz.

Die Reichen selektieren ihresgleichen. Sie stellen ein, wer ihnen gleicht. Das ergeben Untersuchungen der Lebensläufe von 6.500 promovierten Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern und Ingenieuren in Deutschland. Bei den 400 größten deutschen Unternehmen sind die Karrierechancen für Kinder aus dem gehobenen Bürgertum doppelt so hoch, für den des Großbürgertums sogar dreimal so hoch wie für alle Promovierten insgesamt. Mit Leistungsunterschieden ist dies nicht zu erklären. Immer wieder zeigen auch Studien z.B. des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) oder des Instituts für Weltwirtschaft (IfW): Der berufliche Erfolg der Kinder hängt in Deutschland stark von Einkommen und Vermögen der Eltern ab.

Lauren Rivera, Managementprofessorin an der US-Eliteschmiede Kellogg School of Management, fand in umfangreichen Studien heraus: Investmentbanken, Anwaltskanzleien oder Beratungsfirmen haben bei ihrer Bewerberauswahl eine extreme Präferenz für Kandidaten mit traditionellen Oberschichts-Hobbys wie Segeln, Polo oder klassische Musik – bei ansonsten identischen universitären und beruflichen Qualifikationen. Die Top-Arbeitgeber suchen sich ihre Bewerber nicht primär nach Kompetenz aus, sondern vor allem danach, ob sie zur elitären Unternehmenskultur passen. Ob jemand „dazu passt“, nannte über die Hälfte der Topmanager in einer Befragung sogar ausdrücklich als wichtigstes Einstellungskriterium – wichtiger als analytisches Denken oder Kommunikationsfähigkeit. Im Klartext: Golfer stellen Golfer ein. Alles andere ist sekundär.

Übrigens: Auch Startup-Gründer haben kein „Risiko-Gen“. Sondern sie haben einfach materiell abgesicherte Elternhäuser, mit allem, was dazugehört: Habitus, Netzwerke, finanzielle Absicherung, Zugang zu Geschäftswissen. Die meisten Startup-Gründer kommen aus wohlhabenden Familien und sind nicht risikofreudiger als andere – das beweisen Studien der University of California in Berkeley, der London School of Economics, der Princeton University und der Stanford University.

Für jemanden, der aus der Unterschicht kommt, sind die Netzwerke der Wohlhabenden schwer erreichbar. Man bleibt unter sich. Ein normaler Skiurlaub mit der Familie kostet einen Durchschnittsverdiener zwei Monatslöhne – unbezahlbar. So schotten sich die Reichen strukturell von den Armen ab. Die Unterschicht ist außen vor, kann keine Kontakte knüpfen, keine Business-Informationen austauschen. Arme Menschen haben es strukturell schwer in unserer Gesellschaft.

 

„Wenn es eine Verbindung zwischen Reichtum und harter Arbeit gäbe, dann gäbe es eine Menge sehr reicher Holzfäller.”

— Will Rogers 

 

Reiche glauben und behaupten oft, dass sie gar nicht reich sind. Weil sie nicht wissen, wie Armut wirklich aussieht, und weil sie Menschen kennen, die noch reicher sind. Die Fakten: Ab einem Netto-Einkommen von 1946 Euro (2017) gehört man als Single bereits zur reichen Hälfte der Bevölkerung. Und bei einem Vermögen über 26.000 Euro kann man sich ebenfalls zur oberen Hälfte zählen. Viele Menschen in Deutschland verdienen und besitzen aber so extrem wenig, dass man sehr schnell zur reichen Hälfte der Gesellschaft gehört.

Arme Menschen starten von einem anderen Punkt ins Leben. Urlaubsreisen, Skifahren, Musikschule, Reiten, Segeln, Taxifahrten, Hotels, Theater, Bücher – an all das ist nicht zu denken. Friseurtermine gibt es nur unter 20 Euro. Restaurants? Vielleicht einmal im Jahr, dann wird sich aber vorher richtig schick gemacht. Schmeckt der Wein? Egal, denn man trinkt keinen Wein, sondern Bier. Und wenn man doch Wein trinkt, kennt man die Unterschiede sowieso nicht. Und welches Besteck ist nochmal für was? Die Lebenswelt der Unterschicht ist eine andere. 

Kinder aus der Unterschicht beginnen ihr Leben, als müssten sie bei einer Besteigung des Mount Everest am Fuße des Berges starten, und zwar ohne Ausrüstung.

Mittelschichtskinder starten im High Camp, mit Outdoor-Equipment, Sauerstoffflaschen, Führern und Trägern.

Der Weg zum Gipfel ist für beide schwer. Aber die Mittelschichtskinder haben den besseren Start.

Und damit nicht genug: Wir tun als Gesellschaft immer noch viel zu wenig, damit auch Unterschichtskinder zumindest etwas bessere Startchancen im Leben haben.

 

Unser Bildungssystem macht es armen Menschen schwer:

  • Lehrkräfte neigen bei Kindern aus ärmeren Elternhäusern dazu, eine Empfehlung für Real- oder Hauptschule abzugeben – auch wenn die Noten für das Gymnasium sprechen.
  • Kinder auf reicheren Elternhäusern verbringen deutlich öfter Urlaube, Sprachreisen, Schuljahre oder Semester im Ausland. Dort lernen sie Fremdsprachen und knüpfen Kontakte – unabdingbar für den beruflichen Aufstieg.
  • 96 Prozent der Lehrkräfte sind laut Allensbach-Umfrage der Ansicht, dass das Elternhaus mit darüber bestimmt, wie erfolgreich Schüler sind. 83 Prozent halten diesen Einfluss sogar für “groß” oder “sehr groß”. 

Unterschichtskinder brauchen daher länger, um voranzukommen. Sie müssen erst mühsam, mit viel Kraft und Energie, das kompensieren, was ihr Elternhaus nicht geleistet hat – was aber in Mittelschichtsfamilien normal ist.

 

Auch unser Steuersystem dafür, dass die Reichen noch reicher werden und die Armen arm bleiben:

  • Der Steuersatz auf hohe Einkommen wurde von 53% auf 42% gesenkt.
  • Die Mehrwertsteuer, die vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen belastet, wurde dagegen von 15% auf 19% erhöht.
  • Die Erbschaftsteuer ist mickrig. Pro Kind gibt es einen Freibetrag von 400.000 Euro, der bei kluger “Steueroptimierung” auf über eine Million ausgedehnt werden kann. Zusätzlich ist auch das Eigenheim steuerfrei – egal wie viel es wert ist. Der Steuersatz auf das übrige Vermögen bewegt sich bei Kindern zwischen 7% und 30% – und auch da gibt es noch weitere Ausnahmen. Das ist besonders ungerecht, denn zwei Drittel des Vermögens werden nicht etwa erarbeitet, sondern durch Erbschaften erworben. Nennenswerte Erwerbe finden dabei vor allem im reichsten Fünftel der Bevölkerung statt; für die anderen sind Erbschaften nahezu irrelevant.
  • Die Vermögensteuer ist seit 1996 ausgesetzt.
  • Einnahmen aus Kapital (wie Dividenden aus Aktien) werden seit 2009 nur mit maximal 25% (der Abgeltungssteuer) besteuert – anders als Arbeitseinkommen. Wer also Vermögen hat und so leistungsloses Einkommen bezieht, wird im Vergleich zur Einkommensteuer besser gestellt!

Am Ende führt das dazu: Wer wenig hat, wird relativ stärker belastet – so auch das jüngste Ergebnis einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Genauer: Die effektive Grenzbelastung bei Steuern und Abgaben steigt nicht mit dem Einkommen an! Das heißt: Mehrarbeit und Lohnzuwächse bei höheren Einkommen werden weniger belastet als bei niedrigen.

 

Was tun?

 

Wir brauchen ein umfassendes Paket für mehr Chancengleichheit in Deutschland, damit sich Leistung endlich auch für die Unterschicht lohnt. Ich finde, dazu gehört mindestens:

  1. deutliche Erhöhung der Erbschaftsteuer
  2. Reduzierung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes für Güter des Grundbedarfs
  3. Mindestlohn von 12 Euro
  4. Erhöhung beim Spitzensteuersatz, dafür Reduzierung beim Eingangssteuersatz bei der Einkommensteuer (dann gern auch Abschaffung des Soli)
  5. Vereinfachung des Steuersystems, damit nicht nur diejenigen profitieren, die möglichst geschickt “optimieren” können
  6. Sanktionsfreiheit bei Sozialleistungen bei Arbeitslosigkeit
  7. massive Vereinfachung des Bildungs- und Teilhabepakets für Kinder aus armen Familien
  8. Abschmelzung der Kinderfreibeträge, damit Kinder aus reichen Familien dem Staat endlich nur noch so viel wert sind wie Kinder aus armen Familien
  9. Abschaffung der Steuerfreibeträge für den Besuch von Privatschulen
  10. Kostenfreie und hochqualitative Bildung für alle inklusive gutem Mittagessen an Ganztagsschulen
  11. Unconscious-Bias-Trainings für alle Lehrkräfte, damit diese lernen, arme Kinder möglichst nicht mehr zu benachteiligen
  12. Stärkung von Life Skills wie Wirtschaftskenntnissen, Finanzplanung, Geldanlage, produktives Arbeiten, Netzwerken, Achtsamkeit usw. an den Schulen, Berufsschulen und Hochschulen, damit auch Unterschichtskinder einfachen Zugang zu diesem Wissen haben
  13. Förderung von Initiativen wie Arbeiterkind.de und Netzwerk Chancen, die Kindern aus der Unterschicht beim Aufstieg helfen

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