„Wir sind manchmal lahmarschig“

Interview mit der Wiener Zeitung vom 4.9.2013

Wiener Zeitung: „Wir kämpfen für sichere Pensionen“ plakatieren die österreichischen Sozialdemokraten. Was denkt sich jemand, der aus den Jusos kommt und für Generationengerechtigkeit kämpft, bei einem solchen Plakat?

Wolfgang Gründinger: Ich frage mich, ob das nur die Pensionen der heutigen Pensionisten sind oder auch meine Pension.

Es geht der SPÖ in erster Linie um die der heutigen Pensionisten.

Dann ist es schade für uns, weil wir dann Altersarmut erleben werden. Die Altersarmut nimmt heute schon zu, aber für die heute junge Generation wird es noch dramatischer werden.

Altersarmut steigt, auf der anderen Seite schwimmt die Generation Praktikum auch nicht gerade im Geld. Ein gesellschaftliches Patt.

Wir brauchen sichere Arbeitsplätze und höhere Löhne für die heute Jungen. Selbst wenn das Pensionsniveau bei 40 Prozent liegt, sind 40 Prozent von wenig weniger als 40 Prozent von viel. Man muss für gute Löhne und gute Erwerbsverläufe kämpfen.

Wenn Sie von einer Pensionshöhe von 40 Prozent sprechen, sind Sie für eine Senkung der Pensionen?

Die heute junge Generation hat genau so einen Anspruch auf eine gute Pension wie die heute Älteren. Aber die Pensionen werden in den nächsten Jahrzehnten für die heute Jüngeren gekürzt. Altersarmut ist heute noch kein großes Problem, Kinderarmut hingegen schon. Es gibt viel mehr arme Kinder als arme Pensionisten. Und wenn diese Kinder keine gute Ausbildung und keinen guten Job haben, dann werden sie später in Altersarmut leben.

Wie soll ein Pensionssystem aussehen, das sowohl die Lebensgrundlage der jetzt Alten wie auch der zukünftigen Alten absichert?

Man kann nicht immer erst im Rentensystem auffangen, was vorher falsch gelaufen ist. Wir geben zu viel für zu späte Verteilungsgerechtigkeit aus, weil wir vorher bei der Chancengerechtigkeit alles kaputtgespart haben. Wir müssen mehr für Luxus-Kitas und Eliteschulen für alle ausgeben, weil dann auch das Rentensystem gerettet wird.

Was ist eine „Luxus-Kita“ und wie soll das finanziert werden?

Wir brauchen die bestmögliche Kinderbetreuung – und zwar für alle. Finanzierbar ist das über einen Generationensoli. Darunter stelle ich mir eine höhere Erbschaftssteuer für große private Erbschaften ab einer halben oder einer Million Euro vor.

Glauben Sie, dass eine derartige Maßnahme so viele Einnahmen bringen würde, dass dadurch eine Luxusausbildung für alle finanziert werden kann?

Da kann man sicher noch woanders einsparen. Zum Beispiel sind die Beamtenpensionen im Vergleich zu vergleichbaren Pensionen zu hoch. Und man muss überprüfen, ob ökologisch schädliche Subventionen wie zum Beispiel das Dienstwagenprivileg nicht schon längst überholt sind.

Wie soll das möglich sein, wenn die Parteien in erster Linie Politik für Senioren machen? Das wird sich auch nicht bessern, wenn man bedenkt, dass laut Statistik Austria im Jahr 2030 ein Viertel der dann neun Millionen Österreicher über 65 Jahre alt sein wird.

Wir brauchen die Alten als wichtigen Bündnispartner. Sie haben die Macht, sitzen am Hebel der Entscheidungen und sie haben die Welt so gemacht, wie sie heute ist. Dafür müssen sie Verantwortung übernehmen, das gilt auch für das Pensionssystem. Wenn das Rentenalter erhöht wird, dann trifft das die heutigen Pensionisten gar nicht mehr, aber sie sind irritierenderweise dagegen. Ich fordere ja keine Kürzung bei allen Pensionen an sich, sondern eine Gleichbehandlung von Beamtenpensionen mit anderen.

Eine Ihrer Ideen für mehr Generationengerechtigkeit ist ein Kinderwahlrecht. Was kann man sich darunter vorstellen?

Ich möchte nicht, dass Säuglinge und Kleinkinder in die Wahlkabine krabbeln, sondern dass jeder junge Mensch wählen darf, sobald er das möchte und kann. Ich möchte, dass es eine reguläre Altersgrenze von 16 Jahren gibt, aber dass man dann auch jünger wählen darf, wenn man ins Wahlamt geht und sich eintragen lässt.

Würden sich mehr junge Menschen für Politik interessieren, gäbe es eine stärkere Lobby für die Jungen.

Ich hoffe, dass zumindest etwas mehr Wählerdruck entsteht. Aber natürlich ist diese Gruppe zu klein, um Revolutionen oder radikale Umbrüche auszulösen.

Kann das die heutige Jugend überhaupt? Sind wir nicht mitten im neuen Biedermeier – faul und lahmarschig?

Wir sind manchmal lahmarschig, das gebe ich zu. Aber faul und luxusverwöhnt ist die Generation trotz allem nicht. Man will heute gar nicht mehr unbedingt Karriere machen, Geld verdienen und Kapital akkumulieren, man will etwas Sinnvolles machen, das mehr Zeit für das eigene Leben lässt. Wenn man Sterbende fragt, was sie bereut haben, dann sagen sie alle: „Ich wollte mehr Zeit für meine Freunde und Familie haben und ich hätte nicht so viel arbeiten sollen.“

Ist es nicht sehr schwierig, Menschen, die mehr Zeit mit Freunden und Familie verbringen wollen, auf die Straße zu bringen?

Ja. Aber die junge Generation hat viele Ausdrucksformen. In den Unternehmen verfolgen wir andere Karrieremodelle. Wir bloggen, gehen in den Journalismus, in die Parteien, auf die Straße. Die Veränderung, die wir herbeiführen, passiert schleichend und ist sehr subtil. Der Aufstand passiert genau jetzt, er wird aber erst in zehn Jahren festgestellt werden.

Sie haben einmal gefordert, dass es keine Generation schlechter haben sollte als die ihrer Eltern. Die Generation der Babyboomer hatte es, so scheint es, leichter, gute Jobs zu bekommen und sich einen gewissen Wohlstand aufzubauen.

Wir entwickeln uns anders. Es gibt auch soziale Schichtenphänomene. Wenn ein Kind aus der Mittelschicht drei Mal im Jahr in den Urlaub fliegt, ein Haus hat und diverse Computer, dann ist nach oben nicht mehr viel Platz. Andererseits: Geht es der Dönerverkäuferin heute wirklich besser als der Bratwurstverkäuferin von vor 30 Jahren? Vielleicht.

Sie fordern auch einen besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wird nicht ohnehin schon ein bisschen zu viel gekuschelt?

Das glaube ich eher nicht. Wenn junge Leute etwas über die Pensionen sagen, fühlen sich die Alten sofort angegriffen. Wir müssen lernen, aufeinander zuzugehen. An uns liegt es nicht.

Machen Sie es sich da nicht zu einfach?

Ich glaube ernsthaft, dass die Jungen mehr Respekt vor den Alten haben als anders herum.

Ein weiteres Thema der Generationengerechtigkeit ist Energie: Die deutsche Energiewende sorgt dafür, dass die umliegenden Länder mit Netzschwankungen zu kämpfen haben, der Strom wird teurer. Ist das wirklich sinnvoll?

Wir werden heute die Energiewende tragen müssen, weil sie auf lange Sicht billiger ist. Die heutige fossil-atomare Energieversorgung ist die größte Hypothek, die wir unseren Kindern vererben können. Wir werden auf einem aufgeheizten, geplünderten Planeten leben müssen, wenn wir nicht sofort handeln. Daher müssen wir auch die Kosten tragen.

Aber es ist klar, dass die Gaskraftwerke, die auch CO2-arm sind, stillstehen und das System kaputt ist.

Das System ist nicht mehr funktionstüchtig, weil man nicht erwartet hat, dass es so schnell geht. Deswegen muss man jetzt eine neue Marktregulierung einführen und das System überlegen.

Die USA haben Schiefergas und -öl entdeckt und arbeiten damit an ihrer Autarkie von Erdölimporten. Doch die Gewinnung dieser Rohstoffe durch Fracking ist wenig nachhaltig. Wie fair sind solche Methoden gegenüber der Umwelt und kommenden Generationen?

Fracking an sich ist nicht so übel, wenn man es unter guten Umweltauflagen macht. Was in den USA passiert, geht zulasten künftiger Generationen. Es drängt erneuerbare Energien vom Markt. Das wird nicht lange anhalten.

Europa hat den Biosprit entdeckt – der ist aber wegen der ökologischen Folgen sehr umstritten.

Die Diskussion wird sehr unehrlich geführt. Für Erdöl wurde noch nie ein Umwelt- oder Sozialkriterium gefordert. Wenn im Nildelta die Menschen sterben, die Fischgründe verseucht werden und der Regenwald abgeholzt wird, um Pipelines quer durchzuschlagen, dann demonstriert keiner vor der Tankstelle gegen Blutbenzin. Statt zu versuchen, den Biosprit möglichst gerecht zu machen, sagt man: „Weg damit.“ Wenn wir Soja für Sojadrinks oder Palmöl für Kerzen nehmen und der Regenwald für unseren Fleischkonsum abgeholzt wird, beschwert sich keiner. Nicht der Biosprit ist schuld am Welthunger, sondern unser hoher Fleischkonsum, das will keiner wissen.

Gibt es eine Möglichkeit, gesund, nachhaltig und leistbar zu leben?

Gibt es sicher, aber es wäre mit einigen Problemen verbunden.

Versuchen Sie es?

Ich versuche es, aber schlecht. Ich bin kein Veganer, aber fast Vegetarier. Zu Hause habe ich Ökostrom und verbrauche wenig, ich besitze kein Auto. Leider fliege ich viel, das kompensiere ich aber mit Atmosfair (Spendenprogramm für den Bau von Ökostromanlagen je nach Summe der geflogenen Kilometer, Anm.).

Wie sieht die Welt in einer Generation aus?

Wir werden trotzdem auf einem aufgeheizten Planeten leben, weil zu wenig passiert. Ich werde trotzdem noch ein Bäumchen pflanzen.

 

erschienen in der Wiener Zeitung vom 4.9.2013