When they go Schmutz, we go Schulz

Kaum ist Martin Schulz als Kanzlerkandidat nominiert, graben Gegner und Journalisten alles aus, um seinen Ruf zu schädigen. Doch wenn kein Politiker mehr von Schmutzkampagnen verschont bleibt, leidet unsere Demokratie.

Der CDU-Politiker Jens Spahn wusste sofort genau, was er von Martin Schulz hält: „Wäre Herr Schulz ein Facebook-Post, müssten wir von Fake-News sprechen“, schrieb er auf Facebook. Alles nur Lügen also, was Schulz von sich gibt! Bei Donald Trump allerdings, der Inkarnation der Fake-News, ließ Spahn mehr Gnade walten: „Donald Trump stellt nachvollziehbare Fragen. Die müssen wir uns gefallen lassen“, lobte Spahn, und fügte hinzu: „Sich nur über seine Aussagen zu erregen und dabei die Themen dahinter zu übersehen, bringt nichts.“ Trump wird also jede Lüge verziehen, Schulz dagegen wird schon der Lüge bezichtigt, da hatte er gerade seine erste Rede gehalten. Ein doppelter Maßstab. Da passt was nicht zusammen.

Schulz und Trump – ein absurder Vergleich

Wolfgang Schäuble tat indes im SPIEGEL kund, Schulz sei „fast wortwörtlich Trump“. Aha, nun ist also ein linker Sozialdemokrat, großer Europäer und Antifaschist auf einmal so wie ein durchgeknallter Rechtsaußen. Auch da passt was nicht zusammen. Was aber den SPIEGEL-Kolumnisten Jan Fleischhauer nicht davon abhält, vier angebliche Gemeinsamkeiten von Trump und Schulz durchzukauen:

Da seien erstens die Haare: Schulz im Gesicht, Trump auf dem Kopf, beide wenig elegant. Schon das eine große Gemeinsamkeit! (Und Fleischhauer meint das ernst.) Zweitens könnten beide ihre Anhänger begeistern (stimmt!). Drittens präsentierten sich beide als Männer des Volkes, obwohl sie Teil des Establishments seien (stimmt prinzipiell auch, allerdings in doch sehr verschiedener Art und Weise). Und viertens nähmen es beide mit dem Geld anderer Leute nicht so ernst.

Lieber Sparkassendirektor als Kanzlerin?

Zum Beweis des Letzteren muss ein verunglücktes Bauprojekt aus der Zeit von Schulz als ehrenamtlicher Bürgermeister von Würselen herhalten, wo ein Spaßbad entstanden war, das wohl den erwünschten Erfolg vermissen ließ. Wenn ein verfehltes Spaßbad das schwerste Geschütz ist, das man gegen Schulz auffahren kann, dann muss er im Leben einiges richtig gemacht haben.

Der beliebteste Vorwurf ist allerdings, Schulz habe als Präsident des Europaparlaments zu viel verdient. Das inzwischen zum rechten Schmierblatt abgedriftete Debattenmagazin The European hält Schulz sogar für den „größten Abkassierer von allen“, weil er mehr verdiene als die deutsche Bundeskanzlerin. Das ist allerdings einfach, weil die Kanzlerin für eine Spitzenposition ziemlich schlecht bezahlt ist. Nahezu jeder Sparkassenvorstand in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin (und mehr als Schulz), ganz zu schweigen von den Vorständen anderer Banken und Unternehmen. Er soll außerdem einem Mitarbeiter seine Reisekosten erstattet haben. Hört, hört.

Ein Skandal um jeden Preis

Das reicht aber nicht: Schulz habe nämlich zu Unrecht abkassiert! Er habe nämlich als EU-Parlamentspräsident sogar dann Sitzungsgelder bezogen, wenn gar keine Sitzung war. Eine Schweinerei sei das, riecht die WELT den Duft der Korruption. Allerdings: Der Präsident des Europaparlaments erhält die Tagegelder immer 365 Tage im Jahr, egal, ob eine Sitzung stattfindet oder nicht – die Regelung ist als Amtszuschlag gedacht, und galt für Schulz genauso wie für seine Vorgänger (und Nachfolger). Keine Korruption, sondern alles nach Recht und Gesetz.

Als Journalisten von „Report Mainz“ am 22. April 2014 Schulz an den Pranger stellten, weil er auch während des damaligen Europa-Wahlkampfes die Tagegelder zu beziehen, da hatte Schulz längst auf die Zahlungen verzichtet: Bereits am 8. März hatte er seinen Verzicht erklärt, als sich noch kein Journalist für die Sitzungsgelder interessierte. Und das wohlgemerkt, obwohl Schulz auch im Wahlkampf weiterhin den Anspruch gehabt hätte. Norbert Lammert kann ja auch nicht mal ein paar Tage sein Amt als Bundestagspräsident hinschmeißen, nur weil er mal beim CDU-Parteitag ist.

In jeder Demokratie ist es richtig, die Kandidaten für politische Ämter eingehend zu prüfen. Aber wer solange das Haar in der Suppe sucht, bis das eigene Haar hineingefallen ist, nur um sich beim Kellner zu empören, der schadet der Demokratie. Denn so muss unweigerlich der Eindruck entstehen, „die“ Politiker seien allesamt korrupt und abgehoben. Und das wird am Ende uns allen schaden – nicht nur Schulz, und nicht nur der SPD.

Erstveröffentlichung auf vorwärts.de vom 21.2.2017