Welzers digitales Armutszeugnis

Der Soziologe Harald Welzer hat ein Buch darüber geschrieben, warum das Internet keine Probleme löst und uns alle in die totalitäre Diktatur von Googles Gnaden führt. Leider ist das Buch eine einzige Enttäuschung.

Ich war ein großer Fan. Dann begann Harald Welzer, seltsam zu werden. Erst schrieb er in einem wortreichen und geistlosen Essay, warum er nicht mehr wählen geht. Doch nun wird es ganz abstrus.

Digitale Überwachungstechnologien führen eine neue Qualität der Massenüberwachung herbei, die datensammelnden Unternehmen wie Google und Facebook sowie dem Staat, der sich darauf Durchgriffsrechte verschafft, schleichend eine unheimliche Kontrolle über die Bürger gibt – die „smarte Diktatur“. Das erscheint als die zentrale Botschaft des Buches. Und kaum jemand würde dies bestreiten. Aber sieht man einmal von den soziologischen Herleitungen ab, die durchaus gewinnbringend sind, hat das Buch nicht viel beizutragen – und stiftet, im Gegenteil Verwirrung.

Das Buch, so die Eigenwerbung, „zeigt, wie die scheinbar unverbundenen Themen wie big data über Digitalisierung, Personalisierung, Internet der Dinge, Drohnen bis Klimawandel zusammenhängen“. Potzblitz, das ist ja allerhand, dass Big Data, Digitalisierung und Internet der Dinge zusammenhängen! Allerdings dreht sich das Buch nur etwa zur Hälfte (freundlich geschätzt) um die Digitalisierung. Sondern um alles Mögliche, vom Landraub in Afrika über den Klimawandel bis zum Aussterben der Dinosaurier, mit der einzigen Klammer bequemer Kulturkritik am modernen Konsumkapitalismus.

Und auch ansonsten wird das Thema „Digitale Diktatur“, das ja durchaus genug Sprengstoff besäße, erstaunlich oberflächlich behandelt. Die Enthüllungen von Edward Snowden und staatliche Überwachungsaktivitäten kommen dort nur in wenigen Nebensätzen vor. Stattdessen schießt sich Welzer auf Google und Facebook ein.

 

Tausend Missgeschicke

 

Bei seinen vielen Seitenhieben auf die Digitalisierung unterlaufen Welzer allerlei Missgeschicke. So echauffiert er sich über die „Anonymität des Netzes“ mit ihren vielen Hass-Postings und den „aus der Anonymität heraus gemachten Androhungen von Gewalt“. Dabei irrt er: Denn wirklich zur Besorgung erregen die vielen nicht-anonymen Postings, die im Netz gemacht werden – wie beispielsweise bei der Facebook-Seite, auf der über 11.000 Fans die Wiedereröffnung eines KZs forderten, und zwar mit echtem Namen und Foto.

Dann erzählt er die Geschichte von Reem, dem palästinensischen Mädchen, das bei einem Gespräch mit der Bundeskanzlerin in Tränen ausbrach – ein bewegender Moment, der über Facebook und Twitter unter dem Hashtag #merkelstreichelt viral ging. Und kommentiert das allen Ernstes mit den Worten: „Heute gibt es eine Sozialtechnologie, die die Stigmatisierung in kürzester Zeit bewerkstelligt und verewigt. Dieser Technologie hat man ausgerechnet den Namen ‚soziales Netzwerk’ gegeben. Darauf muss man erst mal kommen“, und verschweigt natürlich, dass es genau dieses von ihm als stigmatisierend gebrandmarkte soziale Netzwerk war, von dem wir überhaupt von Reems Geschichte erfuhren, und auf dem so viele Menschen ihre Empathie für Reem und ihre Unterstützung für eine weltoffene Flüchtlingshilfe kundtaten.

Soziale Netzwerk sind überhaupt ein Graus, schon wegen der Filterblase (die es ja offline gar nicht gibt! Ein linksdenkender Mensch liest bestimmt auch niemals die taz!). Ganz schlimm auch: personalisierte Werbung! Dann doch wieder zurück zum guten alten Quelle-Katalog.

Und dass es in den sozialen Medien nur „gefällt mir/gefällt mir nicht“ gebe, also nur zwei Optionen des Meinungsausdrucks, das sei auch völlig unterentwickelt! Und hat doch glatt versäumt, dass auf Facebook inzwischen auch andere Emotionsbekundungen unter dem Like-Button abbildbar sind (obgleich ich das wohlweislich nicht für das gravierendste Problem halte).

Die smarten Diktatoren (= Google) seien „stinklangweilig“ und „phantasielos“ (seriously?). Und dann empfiehlt er aber doch, unbekannte Begriffe solle der Leser „jetzt sofort googeln!“. Wie das zusammenpasst, darüber lässt er den Leser im Unklaren.

Welzer macht sich lächerlich über die Klimapolitik: „Wir haben Umweltprobleme? Schaffen wir ein Ministerium, ein paar Ämter, Lehrstühle! Wir brauchen Konferenzen, Institute, Forschungsprogramme!“ Und vergisst dabei, dass für ihn selbst ebenfalls eine Professorenstelle geschaffen wurde (als Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg) und er ebenfalls ein Institut geschaffen hat (die Stiftung Futurzwei). So selbstgerecht kann man sein.

„Früher war alles besser“, sagt Welzer, denn „Früher einmal … war es ja immer so, dass gewettet wurde, wenn man sich gestritten hat“, während man heute einfach auf Wikipedia nachschauen kann, wie die Faktenlage ist. Ganz großer Kulturverfall.

Und immer wieder reibt er sich an Ashoka, einem Netzwerk von Sozialunternehmen wie Eltern-AG, Streetfootball, Mütterzentren und lokalen Stromwerken – sagt aber nicht, warum er eigentlich so einen Hass auf Ashoka hat (Ashoka hat zwar auch nicht viel mit Digitalisierung zu tun, aber was soll’s). Und wirft Ashoka auch noch implizit vor, die Ausbeutung indischer Leihmütter und den Organhandel mit Herzen – „dafür muss allerdings jemand umgebracht werden“ – zu tolerieren. Man weiß nicht, wie er darauf kommt.

Die x-te groteske Fehleinschätzung liefert Welzer, wenn er behauptet, dass die Wirtschaftspolitiker vor Google „innerlich niederknien“ würden, insbesondere, wenn sie aus Niedersachsen oder Hessen stammten. Sigmar Gabriel, der bekanntlich im beschaulichen Goslar in Niedersachsen lebt, hat angekündigt, Google zerschlagen zu wollen. Wenn das ein Kniefall sein soll, weiß ich auch nicht weiter.

Noch einige Kostproben?

  • „die Internetindustrie arbeitet ja auch intensiv an der Erhöhung der kollektiven Dummheit“
  • „Keine einzige der ‚Innovationen’, die heute in den ‚start ups’ mit Hilfe von ‚venture capital’ entwickelt werden, wird im Rückblick als fortschrittlich bewertet werden. Jede Wette.“
  • Die Konsumgesellschaft „kann so weit gehen, dass man sich allen Ernstes vorstellt, dass eine digitale Gesellschaft die Dinge bereitstellen könnte, die man zum Leben und Überleben braucht. Leben ist aber analog.“
  • „Wenn Sie verdorbenen Fisch gegessen haben und Sie sich drei Tage lang die Seele aus dem Leib kotzen, wird Ihnen nichts gleichgültiger sein als Ihr Smartphone.“

Danke, aber solche Sätze zeigen: Da hat jemand das Thema nicht verstanden.

 

„Kater sind schlauer als Smartphones“

 

Zwischen jedem Kapitel wechselt er das Thema. Dann geht es wieder um die Ausbeutung der Dritten Welt bei der Jeansproduktion, um die Rodung der Regenwälder für Ölpalmplantagen, um das Organigramm des Kanzleramts, dann wieder um das Artensterben. Was das alles mit Digitalisierung zu tun hat, bleibt im Unklaren.

Selbst seinem Kater namens Cooper widmet Welzer einige Seiten, einschließlich Bild, und stellt die Frage: „Wer ist intelligenter – ein Smartphone oder Cooper?“ Um eine Antwort nicht verlegen: „Ich glaube, die Antwort ist völlig unstrittig“. Denn: „Er kann Mäuse und Vögel fangen“ (und noch ganz viele andere tolle Dinge machen). Glückwunsch!

Zwischendurch sind noch ein paar lächerliche Fragebogen eingestreut, in denen man wohl für sich Fragen beantworten soll wie „Treiben Sie Sport? Ausreichend? Wissen Sie genau, was mit ‚Sie’ gemeint ist? Wären Sie gern reich“ usw. Der Sinn erschließt sich nicht.

 

Digitalisierung löst keine Probleme – oder doch?

 

„Die Digitalisierung löst kein einziges der großen Menschheitsprobleme“, schreibt Welzer, und sieht sie daher am liebsten abgeschafft! Ist doch logisch, oder?

Dabei kann die Digitalisierung natürlich dazu beitragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen: Dank Datenanalysen können beispielsweise soziale Fördermittel gezielter in besonders betroffenen Regionen eingesetzt oder der Massenverkehr in Millionenstädten – vor allem in Entwicklungsländern – effizienter organisiert werden. Smarte Thermostate wie tado oder Nest reduzieren den Wärmeverbrauch eines Privathaushalts im Durchschnitt um 14 bis 26 Prozent – dank intelligenter Steuerung und mit Gewinn statt Verlust an Lebensqualität. Die Digitalisierung kann also den Wärmeverbrauch der Privathaushalte auf einen Schlag um ein Fünftel senken – und damit auch die Verbrennung fossiler Rohstoffe und die Emission klimaschädlicher Abgase. Smarte Stromzähler im Zusammen­spiel mit smarten Netzen können das Management überschüssiger Stromproduktion aus unsteten, erneuerbaren Erzeugungsquellen wie Sonne und Wind besser koordinieren und damit den nächsten Schritt der Energiewende erst ermöglichen. Und das vernetzte Fahren mit autonomen Carsharing-Autos, die man per App bucht und pro Fahrt automatisch mit dem Handy abrechnet, kann die Zahl der Autos auf einen Bruchteil reduzieren und den Verkehr weit effizienter steuern – ein gewaltiger Beitrag zur ökologischen Verkehrswende. Doch für Welzer sind dies alles böse Umtriebe, die man bitte abstellen möge.

Das Behördenchaos bei der Registrierung und Aufnahme der Flüchtlinge hätte übrigens vermieden werden können, wenn die Behörden mit einem digitalen Verwaltungsapparat gearbeitet hätten, mit dem Daten effizienter erfasst und ausgetauscht werden können, anstatt mit Aktenordnern wie von anno dazumal. Bei der Nutzung von E-Government belegt Deutschland einen allenfalls durchschnittlichen Platz 11 in der EU. Aber die Digitalisierung ist natürlich ein kapitalistischer Teufel, den man austreiben muss.

 

Abstruse Lösungsangebote

Latent überfordert von den „Kaskaden von Meldungen über Industrie 4.0, das vernetzte Auto, die Abschaffung des Bargelds, weitere sogenannte Überwachungsskandale, schwere Fälle von Hackerangriffen auf Wirtschaftsunternehmen und Behörden, Cyber-War-Szenarien, Besorgnisse der Datenschützer, neue Anwendungen und Komfortversprechen und nicht zuletzt: Innovationen, Innovationen, Innovationen.“ Zum Glück weiß er: „Man kann es aber ändern.“ Und wie?

Keinesfalls wählen gehen, warnt der bekennende Nichtwähler Welzer, denn die Politiker sind ja sowieso alle gleich.

Erster Schritt im Kampf gegen die digitale Diktatur: „Am besten schmeißen Sie Ihr Smartphone weg.“ Das ist nicht neu, das hat auch schon Hans Magnus Enzensberger gefordert, mit ähnlichem Effekt (nämlich keinem).

Es ist bezeichnend, dass deutsche Intellektuelle das Smartphone noch immer als Luxusgut ansehen und es einer strengen, ökologisch und kulturell verbrämten Verzichtslogik unterwerfen. Dabei ist das Smartphone das völlige Gegenteil eines Luxusguts. Die Flüchtlinge, die nach Europa kommen, haben das Smartphone als ihr letztes Hab und Gut. Es dient ihnen als nahezu kostenfreier und ubiquitärer Zugang zu Information und Kommunikation in einem fremden Land, als Wörterbuch, Sprachentrainer und Stadtkarte, als einziges verbliebenes Mittel, um mit der Familie in der Heimat in Kontakt zu bleiben. Eine ganze Reihe ehrenamtlicher Initiativen hat in so genannten Hackathons maßgeschneiderte Apps programmiert, um Flüchtlingen in Deutschland das Leben leichter zu machen. Und dann kommt ein deutscher Professor, der nicht flüchten musste, und fordert in fürstlich entlohnten Büchern und Vorträgen, das Smart­phone wegzuwerfen. Das ist genau das Gegenteil von dem, was Integration und humanitäre Hilfe jetzt brauchen.

Damit aber kein Halt: Man müsse „sich der Sprachpolizei der Political Correctness verweigern“ und „aufhören, beim Lügen mitzumachen“ (klingt nach AfD und Pegida). Und, haha, welch glorreiche Idee im Kampf gegen die smarte Diktatur: Man solle einfach alle seine sozialen Verfehlungen (z.B.: „Seitenspringer, Lügner, Damenwäscheträger“) an Google melden: „Speisen wir alle denkbaren Verfehlungen (…) ins Netz und schicken sie an alle Zuständigen.“ Wenn alle mitmachen, könnte der große böse Internetkonzern keinen mehr erpressen, weil ja dann alle gleich erpressbar und damit nicht mehr erpressbar seien (hier greift Welzer die Post-Privacy-Debatte kurz auf, um die Debatte dann aber nicht weiterzuführen).

Dann wird es aber ganz abstrus: Denn „für all diejenigen mit ein wenig krimineller Energie“ empfiehlt Welzer, Bürgerwehren zu gründen, um Drohnen kaputtzumachen und Häuser zu hacken. Das ist nun alles andere als ziviler Ungehorsam und eine Aufforderung zu einer Straftat.

 

Kommt ins Netz!

 

Harald Welzer ist kein Einzelfall. Eine ganze Generation der älteren intellektuellen Elite scheint von der Digitalisierung knallhart überfordert zu sein. Die alten Vordenker denken nicht mehr vor, sie haben keinen Plan und keine Idee, wir die Digitalisierung gestalten können, sondern sie wollen eine Mauer um das analoge Deutschland bauen wie um ein amisches Dorf.

Es ist schon befremdlich, dass Deutschland das einzige Land in der ganzen OECD ist, in dem Menschen mit höherem Bildungsabschluss signifikant weniger soziale Medien nutzen als Menschen mit geringem Bildungsabschluss. Wenn man das als Indikator für die digitale Kompetenz der hiesigen Bildungselite sieht, dann steht es schlecht um unser Land.

Dabei geht es gar nicht darum, einem unreflektiertem Digitalisierungsrausch das Wort zu reden – im Gegenteil: Es wäre angebracht, endlich die Schattenseiten und Ambivalenzen des digitalen Wandels, strategisch und differenziert zu diskutieren. Wenn aber kulturromantische Reaktionäre ein ums andere Mal persönliche Fehden gegen die Digitalisierung starten und den Wandel nicht gestalten, sondern rückgängig machen wollen, erstickt das jeden konstruktiven Diskurs im Keim. Digital Progressive und analoge Konservative begeben sich damit in die selbstverschuldete Gefangenschaft des gegenseitigen Nicht­verstehens, anstatt darüber zu reden, wie wir den Wandel so organisieren können, dass nicht nur ein kleiner Teil der Gesellschaft profitiert, sondern möglichst viele.

Die deutsche Intellektuelle steckt den Kopf in den Sand und glaubt, dadurch den Läufen der Zeit entgehen zu können. Man muss dem Zeitgeist ja nicht hinterherrennen. Aber man darf darüber auch nicht versäumen, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Chancen kann nur nutzen, wer sie sehen will.

 

Zuerst veröffentlicht in gekürzter Fassung auf vorwärts.de