Offener Brief an Bundeskanzlerin Merkel

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin!

Ich bin 24 Jahre alt und gehöre damit zu einer Generation, die Sie in Ihrer Politik zu oft übersehen. Zwar betonen Sie immer wieder, wie wichtig Ihnen Nachhaltigkeit sei – nur leider merken wir davon wenig. Nachhaltigkeit bedeutet, dass jede Generation genauso gute Chancen haben soll wie die vorherige. So, wie es derzeit aussieht, hinterlassen Sie uns aber ein schweres Erbe.

Warum sparen Sie an unserer Zukunft? Mit den Konjunkturpaketen, die die aktuelle Krise mildern sollen, bürden Sie uns noch mehr Staatsschulden auf. Mit dem Kabinettsbeschluss von gestern schließen Sie künftige Rentenkürzungen aus, auch wenn die Löhne aller anderen fallen.

Schuldenmachen ist dann gerechtfertigt, wenn so Investitionen finanziert werden, die auch unserer Generation zugutekommen. Das trifft aber nur für einen Teil der neuen Schulden zu; zudem ist unklar, wie sie wieder abgebaut werden sollen. Sie dürfen uns keine Rekordverschuldung aufbürden, ohne verbindlich festzulegen, wie diese getilgt werden soll! Verschwenden Sie keine Steuergelder für umweltschädliche Subventionen wie die Abwrackprämie, und sparen Sie sich aktionistische Konsumspritzen wie die Krankenkassen-Zuschüsse! Setzen Sie das Geld stattdessen nachhaltig ein: für Bildung, Forschung und erneuerbare Energien.

Wann entzerren Sie endlich die Rushhour des Lebens? Unsere Gesellschaft macht es jungen Paaren schwer, eine Familie zu gründen. Auch für viele von uns Jungen gehören Kinder zum Lebensglück. Die Zeit, in der sich Kinderwünsche verwirklichen lassen, ist aber zur Rushhour des Lebens geworden – viele von uns sind während Ausbildung und Studium von den Eltern abhängig; danach müssen wir uns erst mal eine berufliche Existenz aufbauen, was mit Kindern immer noch schwer möglich ist. Schaffen Sie daher die Wehrpflicht ab, stärken Sie die soziale Absicherung junger Eltern, investieren Sie noch mehr in öffentliche Kinderbetreuung, und machen Sie die Betriebe kinderfreundlicher!

Wann beenden Sie unsere Diskriminierung in der Arbeitswelt? Auf dem Arbeitsmarkt droht die junge Generation in prekäre Verhältnisse abzurutschen. Durch un- oder unterbezahlte Praktika werden reguläre Jobs wegrationalisiert. Ältere Arbeitnehmer haben zu viele Privilegien; junge Leute dagegen werden mit miesen Löhnen und schlechterer sozialer Sicherung abgespeist. In den Arbeitsagenturen warten junge Menschen, und sie warten auf ihre Zukunft. Die ökonomische Perspektivlosigkeit prägt das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Machen Sie Regeln für faire Praktika verbindlich, und gehen Sie in den Behörden mit gutem Beispiel voran! Schaffen Sie ungerechte Altersprivilegien ab. Wir Jungen sind keine Arbeitnehmer zweiter Klasse!

Warum haben Sie den Generationenvertrag aufgegeben? Die Umlagerente und die solidarische Gesundheitsfinanzierung bieten die beste Absicherung auch für künftige Generationen. Durch sie ist die Höhe der Renten und der Gesundheitskosten an das Einkommensniveau gekoppelt.

Weil wir uns immer stärker privat absichern müssen, wird der Generationenvertrag aber mehr und mehr demontiert. Darunter leiden wir Jungen in mehrfacher Hinsicht: Wir müssen gleichzeitig die Renten unserer Eltern zahlen und höhere Beiträge für unsere eigene Absicherung aufbringen – und trotzdem werden wir später mit Altersarmut zu kämpfen haben. Führen Sie eine Bürgerversicherung ein, die die Beitragslasten gerechter verteilt! Stoppen Sie die ständigen Manipulationen im Rentensystem, und schaffen Sie wieder Vertrauen in den Generationenvertrag!

Frau Merkel, ich schreibe Ihnen diesen Brief, weil die Interessen von uns Jungen in der Politik zu selten zur Sprache kommen. Im Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung sitzt kein einziger Mensch unter 40 Jahren; den einzigen Jugendvertreter haben Sie bei der Neubesetzung vor zwei Jahren nicht wieder eingestellt. Wie kann es sein, dass die Generation, die die nachhaltige Entwicklung wirklich betrifft, bei deren Umsetzung nicht mitreden darf? Wir haben ein Recht auf Zukunft!

Herzlichst, Ihr Wolfgang

Erschienen in der ZEIT CAMPUS (hier online)