Kids statt Kartoffeln

Stellen Sie sich vor, die Hälfte Ihrer Freunde ist arbeitslos. Stellen Sie sich vor, dass selbst die, die Arbeit haben, nur in befristeten Billigjobs schuften. Dass Ihr gesamtes Dasein nur noch aus Warten besteht. Dass Frust, Enttäuschung und Perspektivlosigkeit aufsteigen. Und niemand hilft.

In Griechenland sind laut EU-Statistik 62,5% der jungen Menschen unter 25 ohne Job. In Spanien sind es 56,4%. Portugal: 42,5%. Italien: 40,5%. In zwölf Ländern Europas liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei über 25% [Quelle]. In absoluten Zahlen: In Europa sind 7,5 Millionen junge Menschen unter 25 weder in Arbeit noch Ausbildung – so genannte NEETs (Not in Employment, Education or Training), hinzu kommen weitere 6,5 Millionen unter den 25- bis 29-Jährigen [Quelle]. Die Arbeitslosenquoten unter Jugendlichen sind doppelt so hoch wie unter Älteren. Auch in Deutschland verloren Jugendliche in den Nachwehen der Bankenkrise sechsmal häufiger ihren Job als Ältere [Quelle]. Selbst wenn sie Arbeit haben, ist sie zunehmend befristet oder ein Teilzeit- oder Aushilfsjob. Die junge Generation ist die Verliererin der Krise.

Inzwischen ziehen viele junge Menschen wieder bei ihren Eltern ein, weil sie sich eine eigene Wohnung nicht mehr leisten können. In Großbritannien spricht man daher schon von der „Boomerang Generation“ [z.B. hier]. Viele haben sich verschulden müssen. Wer hoffnungslos nach Arbeit sucht oder sich von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag in Endlos-Schleifen durchs Leben hangelt, in dem brauen sich Wut und Enttäuschung zusammen. Selbst in der Wirtschaftsmotornation Deutschland berichten Studien von einer wachsenden neuen Unterschicht, von einem abgehängten Prekariat: Menschen, die für sich keine Perspektiven mehr sehen, die von Arbeitsmarkt und Gesellschaft ausgegrenzt sind, die jedes Streben nach sozialem Aufstieg aufgegeben haben. Vor einer „verlorenen Generation“ warnte inzwischen Gianni Rosas, zuständiger Experte bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). „Wir befinden uns in einer Situation, in der es unseren Kindern schlechter geht als uns vor 20 Jahren“, mahnte er. „Wir bewegen uns rückwärts.“ [Quelle] Gerade der Kontinent, der bekanntlich nicht viele Rohstoffe hat außer dem, was seine Einwohner im Kopf haben, verschwendet seine Jugend.

Nach jahrelangem Zusehen und Nichtstun trafen sich die Regierungschefs der EU im November 2013 in Paris. Eine „Jugendgarantie“ wollen sie einführen – einen Job oder eine Ausbildung für alle jungen Arbeitslosen; allerdings lediglich als „Empfehlung“ an die Mitgliedsstaaten, nicht als Vorschrift. Und: Gerade 45 Milliarden wollen sie aufwenden im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit – für ganz Europa, verteilt über sieben Jahre. Zum Vergleich: Bauern und Agrarunternehmen erhalten im gleichen Zeitraum 387 Milliarden Euro an EU-Subventionen [Quelle]. Und in den vergangenen fünf Jahren pumpten die EU-Länder zusammen 3,2 Billionen Euro in die Rettung der Banken, in Form von Bürgschaften und Kapitalbeihilfen [Quelle]. Und auch die neue Bundesregierung unter Merkel kümmert die Jugend wenig: Laut Koalitionsvertrag soll es viermal mehr Wahlgeschenke für die Alten geben als für die Jungen.

Banken und Butter sind Europa mehr wert als seine junge Generation. Für viele junge Menschen ist Europa längst kein Projekt von Frieden, Freiheit und Wohlstand mehr. Für sie ist Europa ein Bürokrat aus Brüssel, der sich um vieles kümmert, nur nicht um sie. „Die nachrückende Generation fühlt sich zunehmend ausgeschlossen vom European Dream“, schreibt das Nachrichtenmagazin Newsweek [Quelle].

Man darf nicht den Fehler begehen, bei der Sanierung der Haushalte einseitig auf Sparprogramme zu setzen – gerade in den Ländern, in denen jeder zweite junge Mensch arbeitslos ist. In seiner jetzigen Fassung ohne flankierende Maßnahmen zur Verbesserung der Staatseinnahmen und für eine Wachstumsperspektive verschärft der Fiskalpakt die ohnehin angespannte Situation und führt zu Kürzungen insbesondere im Bildungs- und Sozialbereich, was die junge Generation am stärksten trifft. Allein auf knallhartes Sparen zu setzen und ausgerechnet bei der Jugend zu knausern, ist ein Sparen an der Zukunft statt ein Sparen für die Zukunft. Denn gerade in einer alternden Gesellschaft, in der die Alten immer mehr und die Jungen immer weniger werden, müssen wir unseren Nachwuchs umso besser ausbilden und motivieren, damit der Wohlstandskuchen auch noch dann groß genug gebacken werden kann, wenn es mehr Ruheständler zu versorgen gibt. Wir brauchen daher ein europäisches Zukunftsinvestitionsprogramm, um konjunkturelle Impulse mit einem strukturellen Umbau der Wirtschaft zu verbinden. Europa darf seine junge Generation nicht weiter im Stich lassen.

Leicht verändert veröffentlicht in The European (Printausgabe 02/2014)