„Junge Menschen haben ein Recht, mitbestimmen zu dürfen“

Der Demokratieforscher Wolfgang Gründinger fordert mehr politische Beteiligungsmöglichkeiten für junge Menschen. Die Gesellschaft werde immer älter und dadurch hätten die Älteren immer mehr Macht, sagte er im DLF. Das müsse sich ändern – unter anderem mit der Einführung des Wahlrechts für Jugendliche unter 18 Jahren. Interview im Deutschlandfunk: Wolfgang Gründinger im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker 

 

Ann-Kathrin Büüsker (Deutschlandfunk): Die Älteren bekommen mehr, die Jüngeren dürfen dafür länger arbeiten. Ist das der neue Generationenvertrag? – Vor diesem Hintergrund vertritt die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen die These, dass wir dringend über Generationengerechtigkeit sprechen sollten und neue Ideen finden sollten. Mit ihrem Sprecher, mit Wolfgang Gründinger, habe ich vor dieser Sendung gesprochen und ihn gefragt, warum er gerade jetzt den richtigen Zeitpunkt für diese Diskussion sieht.

Wolfgang Gründinger: Das Thema kommt immer wieder auf, aus gutem Grund, weil wir in einer Gesellschaft leben, die immer älter wird und in der die älteren dadurch auch mehr Macht haben, alleine dadurch, dass sie mehr werden. Und dann geraten wir in eine ganz besondere Situation, denn wie Sie sagten: Es war schon früher so, dass sich die Alten gerne aus dem Fenster gelehnt haben, um über die Jugend von heute zu schimpfen. Nur heute sind die Alten sehr viel mehr.

Mehrheit der Alten hat andere Lebensmodelle

Büüsker: Aber alt sein muss ja nicht grundsätzlich schlecht sein?

Gründinger: Nein, alt sein ist eine ganz gute Sache. Ich möchte auch mal alt werden. Ich glaube, jeder möchte mal alt werden. Ein Problem kommt nur dann auf, wenn die Mehrheit der Alten komplett andere Lebensmodelle, komplett andere Werte und Weltanschauungen hat als die große Mehrheit der jungen Generation, wie jetzt zum Beispiel beim Brexit das der Fall war, wie es auch bei vielen anderen Dingen der Fall ist. Dann überstimmen die Alten die Jungen einfach zahlenmäßig und dann auch, weil sie einfach mehr Ressourcen haben, mehr Zeit, mehr Geld haben, um Bürgerproteste zu organisieren und die Politik in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Büüsker: Jetzt haben Sie gesagt, die Alten haben mehr Zeit. Aber die Jungen hätten doch auch viel Zeit, aber tun im Moment im Prinzip gar nichts. Wenn wir uns die letzte Wahl angucken, die Bundestagswahl, da war die Wahlbeteiligung der Jungen vergleichsweise niedrig: Unter 21 Jahre 64,2 Prozent, zwischen 21 und 25 Jahren nur bei 60,3 Prozent. Und wenn wir auf die Menschen zwischen 50 und 60 schauen, da lag die Wahlbeteiligung bei 75,5 Prozent. Alleine das wäre ja schon eine Möglichkeit für die jungen Leute, sich politisch zu engagieren. Warum tun sie es nicht?

Gründinger: Wir haben gar kein Problem mit der Wahlbeteiligung der Jugend, sondern wir haben ein Problem mit der Wahlbeteiligung derjenigen Jugendlichen mit niedriger formaler Bildung. Bei den Alten gehen auch diejenigen mit Haupt- oder Realschulabschluss, also mit einer längeren Bildung und mit geringem Einkommen, die gehen auch noch wählen. Bei den Jungen gehen diejenigen, die keine gute Bildung haben, kaum noch wählen, fast gar nicht mehr wählen, und das ist ein großes Problem, während bei den Abiturienten, dort haben wir gar kein Problem mit einer Wahlbeteiligung. Die liegt so hoch wie bei den Alten auch. Also wir müssen aufpassen, dass wir nicht bei der jungen Generation eine soziale Spaltung hervorbringen, die dann auch noch sich darin äußert, dass wir die Hälfte der jungen Generation auch noch von der Demokratie abhängen.

„Nicht die Hälfte der jungen Generation von unserer Demokratie abhängen“

Büüsker: Also ist es eigentlich gar kein Generationenproblem, sondern eine Frage von sozialer Gerechtigkeit?

Gründinger: Es ist beides, weil bei den Alten klappt das ja irgendwie, dass auch noch die ohne hohe Bildung formaler Natur zur Wahlkabine gehen. Bei den Jungen gar nicht mehr, bei denjenigen, die keine gute Bildung haben, weil deren Freunde, deren Familie geht auch nicht wählen. Da findet Politik im herkömmlichen Sinne gar nicht mehr statt. Insofern glauben sie einfach, das gehört nicht zu ihrem Leben dazu, und hier müssen wir aufpassen, dass wir nicht die Hälfte der jungen Generation von unserer Demokratie abhängen.

Büüsker: Und was müsste man aus Ihrer Sicht dagegen tun?

Gründinger: Die Parteien müssen sich schon fragen, warum junge Menschen denn nicht mehr auf ihre Rezepte anspringen. Man muss nicht nur über die Jugend sprechen, wie wir das auch heute tun, sondern mal mit der Jugend sprechen, einfach mal die Jugendlichen fragen, was sie denn für Interessen, für Rechte denn gerne hätten. Man muss auch anders kommunizieren. Heute sieht die politische Kommunikation ungefähr noch so aus wie vor 20 Jahren. Das muss sich auch ändern. Man muss auch in die Lebenswelten der jungen Menschen mal eindringen können.

Büüsker: Na ja. Aber genügend Politikerinnen und Politiker sind inzwischen auch bei Facebook.

Gründinger: Es reicht da auch nicht aus, ein Facebook-Profil zu kreieren, oder einen Twitter-Account zu kreieren. Man macht etwas und dann glaubt man, dass es dann schon läuft. Als die Schulreform gemacht worden ist, sind die Schüler nicht gefragt worden, nur die Eltern und die Lehrer und vielleicht noch ein paar Wissenschaftler. Warum? Es geht doch um ihre Lebenswelt, um ihre Interessen, um ihre Zukunft.

Politik hat wenig Interesse an jungen Menschen

Büüsker: Welches Interesse sollten denn die Politiker haben, Politik für jüngere Leute zu machen, wenn es doch unter ihren Wählerinnen und Wählern genügend ältere Leute gibt, bei denen sie vielleicht mit ihren Sachen mehr Leute erreichen können?

Gründinger: Natürlich haben sie wenig Interesse daran, weil die jungen Menschen, wie Sie ja schon ausführten, relativ wenig zur Wahl gehen. Und die unter 18-Jährigen, die gehen gar nicht zur Wahl, weil die haben gar kein Wahlrecht.

Büüsker: Das heißt, muss sich irgendwas im Wahlrecht ändern?

Gründinger: Ja, auf jeden Fall! Auch die jungen Menschen, die unter 18 sind, haben ein Recht darauf, mitbestimmen zu dürfen, weil es ja um ihr Land, um ihre Zukunft geht und auch sie zum Volk gehören. Und vom Volke geht doch bekanntlich die Staatsgewalt aus.

Büüsker: Was sind die relevanten Themen, die die Politik aufgreifen muss, um jüngere Menschen tatsächlich auch wieder für Parteien zu begeistern?

Gründinger: Ein konkretes Thema ist zum Beispiel die Kinderbetreuung. Wir haben sehr sorgfältig gemachte Umfragen des Max-Planck-Instituts für demographische Forschung, das rausgefunden hat in einer Befragung von 14.000 Menschen in Deutschland, dass die Unterstützung für öffentliche Kinderbetreuung ab ungefähr dem 60. Lebensjahr radikal abnimmt. Die Mehrheit der Älteren ist dagegen, dass der Staat jungen Familien bei der Kinderbetreuung unter die Arme greift. Das wäre so ein Beispiel, wo es Generationenkonflikte gibt.

Ein anderes Beispiel ist die Ehe für alle. Da gab es sogar eine offizielle Befragung der CDU Berlin und die hat ihre Mitglieder gefragt, seid ihr für oder gegen die Ehe für alle. Zwei Drittel der CDU-Mitglieder über 60 haben gesagt, sie sind dagegen; zwei Drittel der CDU-Mitglieder unter 30 haben gesagt, sie sind dafür. Und bei der etwas gediegeneren Altersstruktur dieser Partei heißt das, dass sich die große Mehrheit der Mitglieder gegen die Ehe für alle ausgesprochen hat und damit der jungen Generation eine Wertvorstellung aus dem letzten Jahrtausend aufgedrückt hat.

Büüsker: Herr Gründinger, danke für das Gespräch!

Gründinger: Danke schön!

Büüsker: Wolfgang Gründinger war das, Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Mit ihm habe ich vor dieser Sendung gesprochen.