Immer die Anderen

Wir alle wissen, was getan werden müsste, um die Zerstörung des Planeten zu abzuwenden. Strom sparen. Bewusster heizen. Weniger Auto fahren. Vor allem mit einem kleineren Auto, das nicht so viel Sprit verschleudert. Nicht fliegen. Mehr Bio kaufen. Weniger Fleisch essen. Zu Öko­strom wechseln. Kaffee nur aus fairem Handeln trinken. Natürlich: Müll trennen.

Nur: Wir sind empört, doch unsere Empörung erschöpft sich darin, dass wir uns eben empören – und dann keinen Finger rühren. Nahezu ausnahmslos erklären alle Bundes­bürger in Umfragen, dass unser Strom aus erneuerbaren Energien stammen sollte – zuletzt befanden 93% in einer Emnid-Umfrage im Auftrag der Agentur für Erneuerbare Energien den Ausbau der regenerativen Energie für „wichtig“ oder „sehr wichtig“. Zu einem Ökostromanbieter wechselt aber nur eine Minderheit. Biolebensmittel scheinen bisweilen so populär, dass man glauben könnte, halb Deutschland würde sich nur von Ökohöfen ernähren. Aber keine vier Prozent aller hierzu­lande verkauften Lebensmittel stammen aus ökologischem Anbau. Ausgerechnet diejenigen Menschen, die sich selbst als besonders umweltbewusst einschätzen, die grün wählen und mit ihren Kindern im Hybridauto zur Biocompany fahren, verhalten sich insgesamt sogar umweltschädlicher als der stereotype Hartz-IV-Empfänger, der sich so viel Konsum gar nicht leisten könnte – weil er nämlich in einer kleineren Wohnung lebt und seltener um den Globus jettet. Offenbar hat Wissen mit Handeln nicht viel zu tun.

Warum tun wir aber nicht, von dem wir alle ziemlich genau wissen, was getan werden sollte? Warum drehen wir nicht durch, wenn unser Verhalten sich ständig in Widersprüche verwickelt? In der Psychologie gibt es den Begriff der „kognitiven Dissonanzen“: Unser Gehirn versucht, den Widerspruch zwischen hehrer (Selbst-) Erwartung und profaner Wirklichkeit irgendwie in Einklang zu bringen. Das Phänomen kennen wir aus dem Alltag: „Eigentlich sollte ich joggen gehen, um fit zu bleiben – aber heute ist es zu kalt / zu heiß / könnte es regnen / bin ich zu müde / habe gerade keine Zeit.“ Genauso reklamieren wir eine individuelle Ausnahmegenehmigung, wenn es um ökokorrektes Ver­halten geht: „Natürlich macht Autofahren das Klima kaputt und verbraucht Erdöl – aber ich brauche das Auto, weil es zu kalt zum Radfahren ist / es zu heiß zum Radfahren ist / es regnen könnte und ich daher nicht Fahrrad fahren will / mein Fahrrad einen Platten hat / ich zu spät dran bin und daher nicht Fahrrad fahren kann / heute (ausnahmsweise!) mal keine Lust auf Radfahren habe“. Man sollte… tut es aber nicht. Ich könnte wissen, dass morgen die Welt untergeht, aber trotz­dem so weitermachen wie bisher. Nach der Devise: Es ist alles ganz schrecklich mit der Klimakatastrophe und der Abholzung der Regenwälder, aber dieses argentinische Steak ist so lecker.

Bisweilen mögen wir unser Verhalten vielleicht noch als inkonsequent empfinden, aber auch für dieses Unbehagen hat das Gehirn eine Entschuldigung parat: Die anderen sind noch schlimmer – und daher wiegen meine eigenen Sünden weniger schwer: „Ich sitze zwar auch im Flugzeug auf die kanarischen Inseln, und weiß, dass ich das Klima kaputtmache – aber die anderen hier denken noch nicht einmal darüber nach, dass sie den Planeten zerstören!“ Wie der taz-Leser, der sich über soziale Kälte empört, aber in der U-Bahn dem Strassenzeitungsverkäufer keinen Cent gibt. Oder wie auf dem Kongress des Biosprit-Verbands, bei dem auf dem Podium beschworen wird, nicht der Biosprit sei schuld an Regenwaldzerstörung und Welthunger, sondern der hohe Fleischkonsum des Westens. Aber nun guten Appetit mit unserem Rinderbraten!

Am Ende jeder Sonntagspredigt heißt es: „Wir müssen handeln!“ Aber wer ist „wir“? Die Politiker? Die Manager? Die Konzerne? Ganz Deutschland? Ganz Europa? Die „internationale Staatengemeinschaft“ samt den USA und China? Das Problem: „Wir“ – das sind wir alle. Beim Klima- und Energieproblem geht es um alle und um alles – und genau daher zugleich um nichts und niemanden. Wenn aber alle verantwortlich sind, dann ist niemand verantwortlich. Es herrscht eine totale Fragmentierung der Verantwortung, die bequem abgeschoben werden kann – an geeigneten Sündenböcken fehlt es wahrlich nicht. Wenn der andere nicht handelt, ja sogar noch schlimmer ist, ist dies eine bequeme Entschuldigung, selbst nicht zu handeln. Je mehr die Not drängt, desto größer klafft die Lücke zwischen dem, was wir alle wissen, dass getan werden muss, und dem, was tatsächlich getan wird. Wir leben in einer „Ausredengesellschaft“ (Martin Unfried).

Unwissen, Dummheit oder Egoismus sind nur selten der Grund für Umweltsünden – sondern allzu menschliche Verdrängungs- und Beschwichtigungsstrategien. Solche Ausreden erlauben uns, unseren Alltag in aller Bequemlichkeit ohne Gewissens­bisse fortzusetzen. Es ist daher kein Wunder, wenn die Deutschen sich selbst für sehr umweltbewusst halten, aber das eigene Tun meist beim Mülltrennen endet – und trotzdem überzeugt sind, am Elend der Welt seien alle anderen schuld (vor allem die Amerikaner und Chinesen!), nur sie selbst nicht. Die Berliner Songwriterin Kleingeldprinzessin findet für unser Verhalten in ihrem Titel Immer die Anderen... die treffenden Worte: „Sie zerstören die Umwelt, und verstopfen die Autobahn, / verursachen zu viel Müll und unterstützen den Rinderwahn / Sie haben ein ungerechtes Weltwirtschaftssystem, / sind egoistisch und skandalgeil, stinkend, faul und bequem. / Immer die Anderen (immer die Amis), wie könnt es anders sein? / Immer die Anderen! Da schließ ich Sie und mich, liebe Hörer, selbstverständlich nicht ein.“

Mehr Umweltbewusstsein ist sicherlich nicht verkehrt. Aber Aufklärung und Wissen sind radikal überbewertet. Die Praxis wird radikal unterbewertet. Der Weg führt nicht vom Wissen zu Handeln, sondern umgekehrt: vom Handeln zum Wissen – und zugleich vom Handeln zum Handeln. Wenn Menschen ohne staatliche Zwangsbeglückung zum Handeln bewegt werden sollen, brauchen sie Praxisanleitungen dafür, was sie selbst in ihrem eigenen Leben konkret anders machen können, um Spaß zu haben, soziales Prestige zu erwerben, vielleicht gar ihren Kontostand zu verbessern – und nebenbei „nach­haltig“ zu handeln. Wir müssen nicht auf die nächste erfolglose UN-Weltrettungskonferenz warten, um zu handeln – sondern jeder Einzelne kann etwas im Hier und Heute bewirken.

Wir sollten weniger über Theorie sprechen und mehr über Vorbilder: über normale Menschen, die wie du und ich sind, und die trotzdem einen Wandel angestoßen haben – auch wenn der nicht die Welt rettet, aber im Kleinen etwas konkret besser macht; über Unter­nehmen, die ihre Produktion nachhaltig gestalten; über Banken, die in ethische Anlagen investieren; über lokale Produktions- und Konsumnetze; über Tauschen und Leihen. Wenn der Nachbar eine Solaranlage und ein Elektroauto hat und die Kinder im Dorf das toll finden, und das auch noch bare Münze bringt, dann fangen auch die anderen an. Egal, wann der letzte Tropfen Öl versiegt.

Gastbeitrag erschienen in neue energie Nr. 12/2013 (hier als PDF)