Handelsblatt: Alte-Säcke-Politik – Warum dieser Autor ein Wahlrecht ab 0 fordert

Die alten Politiker führen die Jungen an der Nase herum, meint Wolfgang Gründinger. Im Interview erklärt er, warum er ein Wahlrecht für Babys fordert – und wie sich Jugendliche mehr Gehör verschaffen sollen. (Interview für Orange by Handelsblatt, 30.8.2017)

Sein Buch „Alte Säcke Politik“ hat für Wirbel gesorgt – und wurde von der SPD-nahen Friedrich Ebert Stiftung als „Das politische Buch 2017“ ausgezeichnet. Gründinger ist Mitglied der SPD. Trotzdem muss man diesen Buchpreis erstmal gewinnen. Wir haben den Autor zum Gespräch getroffen.

Du bezeichnest dich selbst als „Zukunftslobbyisten“. Haben wir nicht schon genug Lobbyisten in Deutschland?
Es gibt genügend Lobbyisten für die Gegenwart oder für die Vergangenheit, aber nicht für die Zukunft. Ein Drittel der Wähler ist über 60 Jahre alt und die Zukunft ist für sie nicht mehr so wichtig wie die Gegenwart. Aber für eine Minderheit, die Jugendlichen, ist die Zukunft entscheidend. Und deren Interessen will ich gerne vertreten.

Ist denn die Bundestagswahl 2017 überhaupt wichtig für Jugendliche?
Es gibt unheimlich viel zu gewinnen und zu verlieren bei dieser Wahl, gerade für junge Menschen. Etwa in der Bildungspolitik, bei Themen wie Kinderarmut und auch bei der Frage, wie Familien in 20 Jahren aussehen sollen.

Aber das sind doch die selben Themen, über die Politiker schon seit Jahren reden.
Gerade Jugendliche haben in den vergangenen Monaten erkennen müssen, dass sich die Lage der Welt zugespitzt hat. Viele haben jetzt das Gefühl, sie leben in einer unsicheren Zeit. Da fragen sich dann doch immer mehr: Was kann ich selbst eigentlich dagegen tun?

Willst du damit sagen, dass Probleme wie der Nordkorea-Konflikt und die Flüchtlingskrise auch eine positive Seite haben, nämlich dass sich junge Leute für Politik interessieren?
Ja. Viele Jugendliche sehen sich im Spagat zwischen diesen Themen oder auch dem Klimaschutz und ganz persönlichen Dingen wie den eigenen Bildungschancen. Beides verbindet sich in Fragen nach Freiheit, Toleranz und Gerechtigkeit. Deshalb interessieren sich viele Jugendliche auch immer mehr für diese „großen Themen“.

Aber die Parteien sind nicht mehr der Rahmen, in dem sich Jugendliche mit diesen Themen befassen, oder?
Doch. Es sind nicht mehr so viele Menschen in Parteien aktiv, das betrifft aber alle Generationen. Für Jugendliche müssen Parteien wieder ein Ort werden, der die nötigen Strukturen und Gleichgesinnten bereitstellt, um wirklich etwas voranzutreiben.

Das klingt aber wie ein Widerspruch zu deinem Buch. Darin schreibst du von „alten Säcken“ in den großen Parteien, die alles blockieren.
Die Jugendlichen und ihre Verbündeten müssen die Parteien von innen heraus verändern. Eine freundliche Übernahme sozusagen.

Warum brauchen sie denn die Parteien überhaupt?
Das Engagement von Jugendlichen ist oft sehr versprengt und kurzfristig. Es braucht aber eine gemeinsame Organisation, damit dieses Engagement überhaupt dauerhaft sichtbar wird. Da sehe ich momentan die größten Defizite. Es gibt so viele kleine aktive Gruppen und Personen, dass keiner mehr einen Überblick hat. Und deshalb fällt ein Engagement auch nicht mehr wirklich auf.

Und wie – außer mit „YouTube“ Auftritten – sollen die Parteien wieder Jugendliche für sich gewinnen?
Die Parteien werden auf die persönliche Präsenz vor Ort nicht verzichten können. Es klingt banal, aber ist wichtig: Ortsvereine und der Kontakt zu Jugendlichen bei Festivals, Jugendtreffs oder Schulen sind sehr wichtig, weil Politik eine persönliche Erfahrung bleibt.

Solche Schulbesuche gibt es aber doch ziemlich oft.
Ja, aber hauptsächlich in Gymnasien. Gerade an Haupt- und Realschulen ist noch zu wenig davon zu sehen, obwohl dort sowieso schon kaum politischer Unterricht stattfindet. Das ist ein großes Problem, denn während Gymnasiasten konstant wählen gehen, tun es Haupt- und Realschüler immer weniger.

Haupt- und Realschüler verlassen die Schule aber auch oft, bevor sie volljährig sind. Sollten sie wirklich schon vorher von Politikern beeinflusst werden?
Natürlich. Es ist unglaublich ungerecht, dass junge Menschen keine Stimme in der Politik haben, wenn sie unter 18 Jahre alt sind. Sie werden als einzige Gruppe in Deutschland pauschal und willkürlich vom Wahlrecht ausgeschlossen. Das sind 13 Millionen Kinder und Jugendliche, die nicht wählen dürfen.

Deshalb schlägst du in deinem Buch „Alte Säcke Politik“ auch das Wahlrecht ab 0 Jahren vor – für alle, die sich für mündig genug halten.
Genau.

Und du glaubst ernsthaft, dass jemand mit fünf oder sechs Jahren wirklich in der Lage wäre, sich eine eigene Meinung zu bilden und entsprechend zu wählen?
Das Wahlrecht ist nicht gekoppelt an eine irgendwie festgelegte Wahlmündigkeit, Wahlreife oder Bildung. Im Gegenteil ist das Wahlrecht in einer Demokratie ja bewusst unabhängig von diesen Kriterien. Sonst müsste man ja genauso bei Erwachsenen Bürgern das Wissen oder die Reife testen – und dann müssten wir mit Sicherheit auch vielen Erwachsenen das Wahlrecht absprechen.

Das ändert aber nichts an der Sorge, dass Eltern einen starken Einfluss auf ihre Kinder haben.
Sicherlich. Aber daran ist ja nichts Falsches. Es wäre wirklichkeitsfremd anzunehmen, dass Menschen nicht mit anderen in ihrem Umfeld über Politik reden.

Müssten wir dann nicht auch die politische Bildung in der Schule überarbeiten, damit Menschen sich schon früher ihre Meinung bilden können?
Das wäre ein erster Schritt. Und wir sollten darüber nachdenken, die Briefwahl erst ab 18 Jahren zu ermöglichen – so könnten Eltern nicht für ihre Kinder ein Kreuzchen auf dem Wahlzettel machen.

Also wären eher unreife Eltern und nicht Kinder das Problem?
Genau! Es ist ja ein sonderbares Gerechtigkeitsempfinden, die Opfer einer solchen Wählertäuschung – und nicht die Täter – pauschal von der Wahl auszuschließen.

Was wünschst du dir von den jungen Abgeordneten im Bundestag?
Es gibt nur sehr wenige junge Abgeordnete. Und auch die müssen ihre alternde Wählerschaft vertreten und nicht speziell die Interessen der Jugendlichen.

Wie wäre es mit einer Art „Zukunftsminsterium“, das sich mit Gerechtigkeit zwischen den Generationen beschäftigt?
Ich weiß nicht, ob das die Probleme lösen würde. Eigentlich sollten alle Ministerien zukunftsgewandt sein. Ein eigenes „Zukunftsministerium“ würde den anderen Ministerien das Gefühl geben, dass sie sich nur um die Gegenwart kümmern müssen.

Was brauchen wir denn dann?
Wir brauchen eher eine dritte Kammer zwischen Bundestag und Bundesrat, welche die Interessen der zukünftigen Generationen vertritt.

Du sprichst von den „alten Säcken“ in den Parteien. Die AfD schimpft auf die „Altparteien“. Wo ist der Unterschied?
Linke und rechte Systemkritik trifft sich ja öfter mal, aber aus völlig unterschiedlicher Analyse und mit völlig unterschiedlichen Schlüssen. Die Rechten würden nicht darauf pochen, mehr Wert auf die Interessen einer kosmopolitischen und toleranten Jugend zu legen. Im Gegenteil, sie vertreten oft die Interessen rückwärtsgewandter und älterer Menschen.

Was wünschst du dir denn von den älteren Politikern in unserem Land?
Ich wünsche mir mehr Respekt. Besonders vor den Lebenswelten der jüngeren Menschen, die für die älteren Generationen oft nicht verständlich sind. Da hilft oft einfach zuhören.

Und was ist deine große Bitte an alle Zwanzigjährigen in Deutschland?
Geht in die Parteien. Organisiert und verbündet euch. Die Parteien werden überall schlechtgeredet, aber ich würde sagen: Guckt euch die doch mal an, geht in die Jugendverbände. Denn wenn man wirklich was in Deutschland verändern möchte, ist man dort am besten aufgehoben.

Wolfgang, vielen Dank für das Interview!