Freiburg, die Sonnenstadt

Abends um halb elf wirkt der Berliner Hauptbahnhof fast wie ausgestorben. Die meisten Ladentüren der sonst umtriebigen Modeläden sind bereits verriegelt, und die Bäckereien verkaufen die Überbleibsel vom Tagesgeschäft. Vor mir liegt eine lange Nachtzugreise ans andere Ende von Deutschland: nach Freiburg im Breisgau, dem Tor zum Schwarzwald, an der Grenze zu Frankreich und der Schweiz.

Das knapp 200.000 Einwohner zählende Freiburg ist als Solarstadt Deutschlands bekannt. Das mag an dem warmen und sonnigen Klima liegen, das viele in die südlichste Großstadt des Landes zieht. Doch Freiburg ist auch die Heimat solarer Forschung, Industrie, Politik und Lebensart: Hier wurden das Öko-Institut und das namhafte Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme gegründet, der Photovoltaik-Hersteller „Solarfabrik“ hat sich hier niedergelassen, ganze Stadtteile wurden mit moderner Solararchitektur geplant, und wie selbstverständlich stellen die Grünen den Oberbürgermeister. In der Solarbundesliga, einem Ranking der Energiepolitik der Städte, belegte Freiburg regelmäßig lange unangefochten den Spitzenplatz. Was macht Freiburg so anders?

Nach neun Stunden Zugfahrt weckt mich der Schaffner im angenehmen Schwyzerdütsch: Endlich da. Mein Gastgeber holt mich am Bahnhof ab. Sebastian Müller wurde 2004 in den Gemeinderat gewählt, da war er gerade 21 Jahre alt.  Wir kennen uns von einer Konferenz über Jugendpartizipation, ein Thema, bei dem Sebastian als junger Kommunal­politiker genug leidvolle Erfahrungen gemacht hat. Er hatte mich eingeladen, mit einer Rede den Wahlkampfauftakt für „Junges Freiburg“ zu eröffnen, einer Wähler­vereinigung junger Menschen, die meistens so jung sind, dass sie nicht einmal mitwählen dürfen. So viel also zum Thema Politikverdrossenheit.

Keine 24 Stunden ist es her, da war Sebastian noch mit einer Gemeinderatdelegation zu Besuch in der japanischen Partnerstadt. Doch den Jetlag merkt man ihm nicht an. Beim badischen Frühstück mit Butterbrezen und Kaffee erzählt er, noch merklich ergriffen, vom neuen Elektro-Auto von Mitsubishi, das er schon mal Probe fahren durfte, von den Spätfolgen des Atombomben-Abwurfs aus Hiroshima, und von den faszinierenden Tempeln in der alten Kaiserstadt Kyoto.

Als wir nach einem kurzen Spaziergang am Rathaus ankommen, kommen mir für einen Moment kurze Zweifel auf, ob Berlin die richtige Wahlheimat für mich ist. Glückliche Menschen spazieren im Sonnenschein mit einem Eis in der Hand entlang der „Bächle“, den kleinen Kanälen, die durch ganz Freiburg fließen, trinken einen Latte in einem der unzähligen kleinen Cafés in einer der engen Gassen, oder versorgen sich auf dem täglichen Markt rund um das Münster mit frischem Obst vom örtlichen Biobauern. Gegen diese idyllische Atmosphäre wirken die neuen Berliner Trendbezirke wie Prenzlauer Berg nur wie eine billige Kopie.

Vor dem Rathaus sind die Partnerstädte Freiburgs mit ihren Wappen im Boden verewigt. „Wir sind die einzige deutsche Stadt, die auch eine Partnerschaft mit einer Stadt im Iran hat“, erklärt Sebastian. „Übrigens eine Photovoltaik-Partnerschaft: Ein Hoffnungszeichen in einem autoritär regierten Land, das mit Hilfe seiner Atomkraftwerke in den Bau von Atomwaffen einsteigt. Mit Solartechnik lässt sich nur saubere Energie gewinnen, aber kein Krieg führen.“

Direkt an einem der Bächle treffen wir uns mit dem grünen Gemeinderat Axel de Frenne zum Mittagessen. Es gibt hausgemachte Spätzle. Er wird mir erklären können, warum gerade in Freiburg, gelegen inmitten der konservativen Trutzburg Baden-Württemberg, sich eine moderne Energie- und Klimapolitik haben durchsetzen können. „Wer gegen erneuerbare Energie ist, der wird in Freiburg nicht gewählt“, meint der gelernte Bankkaufmann. „Sogar die CDU gibt sich hier grün.“ Heute sind CDU und Grüne die stärksten Parteien der Stadt.

Eine liberale Kultur habe es hier schon immer gegeben, und die in der Bevölkerung verwurzelte Umweltbewegung könne hier mit den erfolgreichen Bürgerprotesten gegen das geplante Atomkraftwerk Whyl vor dreißig Jahren und der unmittelbaren Nachbarschaft zum französischen Kernreaktor in Fessenheim, der regelmäßig wegen Pannen in den Schlagzeilen steht, auf eine lange Tradition zurückblicken.

Als die neuen regenerativen Energien schließlich ihre Funktionsfähigkeit unter Beweis gestellt hatten, waren auch die letzten Zweifler überzeugt, sagt Axel de Frenne: „Inzwischen hängen daran auch viele Arbeitsplätze und viel Wirtschaftskraft. Mehr als 1500 Menschen arbeiten zurzeit direkt in der Freiburger Solar­industrie. Die Umweltindustrie ist schon wirtschaftlich gar nicht mehr wegzudenken.“ Bedenkenträger suche man heute lange.

 

Das Solar City Konzept

Die Bedenkenträger kennt Dr. Dieter Wörner noch genau. Als Leiter des Freiburger Umweltamtes zeichnet der Ingenieur dafür verantwortlich, dass die grünen Ideen der Politik auch in der Praxis funktionieren. „Als ich damals eingestellt wurde, bekam ich Fragen von der Presse, ob ich mit den härteren Umweltauflagen die Industrie vertreiben wolle.“

Die Stimmung habe sich aber radikal gewandelt: Heute werde ihm eher vorgeworfen, zu wenig für die Umwelt zu tun. „Wir können es den Bürgern gar nicht gut genug machen. Meine Kollegen aus anderen Städten beneiden mich inzwischen sogar, die würden sagen, man dürfe die Bürger mit neuen Umweltstandards nicht überfordern.“

Dabei ist Wörner kein Freund von Technokratie: „Man kann nicht hinterher alle möglichen Grenzwerte kontrollieren. Umweltpolitik muss stattdessen frühzeitig in die Stadtplanung integriert werden, weil man sich dann die Kontrollen spart. Und sie darf nicht den Technikern und Politikern überlassen bleiben, sondern muss von den Bürgern mitgestaltet werden.“

Das erste Klimaschutzkonzept hat die Stadt im Jahre 1996 beschlossen, als gerade das Kyoto-Protokoll verabschiedet war. Drei Viertel der klimaschädlichen Emissionen Freiburgs, so fand man damals heraus, werden vom fossilen Energieverbrauch verursacht, das restliche Viertel vom Verkehr. Damit waren die Hauptaktionsfelder abgesteckt, und man entwarf eine lokale Energie-Strategie mit den „drei Es“: Effizienz, Erneuerbare Energien und Einsparen.

Ohne politischen Überschwang, dafür mit umso mehr Technikbegeisterung in der Stimme spricht der Chef-Umweltschützer lange stolz über „Erfolgsmodelle“ wie den Freiburger Niedrigenergiehaus-Standard: „Für Neubauten dürfen nur so wenig Energie verbrauchen, dass sie mindestens 30 Prozent unter dem bundesweiten Standard liegen. Das klappt ohne staatliche Zuschüsse.“

Nach anfänglichem Klagen habe die Bauwirtschaft die neuen Effizienzstandards akzeptiert – inzwischen macht sie sogar Werbung mit ihren Einspar­ergebnissen. Die Mehrkosten für die höhere Energieeffizienz konnten von etwa drei Prozent auf weniger als ein Prozent gedrückt werden, und die Heizkosten der Gebäude sind auf Dauer um ein Drittel niedriger. „Unsere Architekten mussten erstmal lernen, wie man das macht. Inzwischen haben wir einen Know-How-Vorsprung gewonnen. Wir sind jetzt besser als die anderen, und das ist ein ökonomischer Vorteil für unsere Bauwirtschaft.“

Ab 2011 müssen alle Neubauten die noch strengeren Kriterien des Passivhaus-Standards erfüllen – und die Bauleute freut es. Für Altbauten vergibt die Stadt Zuschüsse für die energetische Sanierung. Im Schnitt lassen sich die Heizkosten damit um 38 Prozent senken, berichtet Wörner, und einkommensschwache Haushalte erhalten außerdem kostenlose Energieberatung. Dank Klimaschutz bleibt den Menschen mehr im Geldbeutel. Das ist also der Grund, so denke ich, dass als erster Satz in der Wahlkampf-Broschüre der Freiburger Grünen steht: „Sanieren ist sozial.“

Zweites Standpunkt des Freiburger Solar-City-Plans sind die Erneuerbaren Energien. „Da haben wir noch aufzuholen“, gesteht Wörner ein. Ich staune nicht schlecht: Ausgerechnet der Solar-Spitzenreiter sagt von sich, er habe zu wenig saubere Energie im Portfolio? „Wir haben eine gemischte Bilanz: In Photovoltaik wurden unsere Erwartungen übertroffen. Bei der Windkraft wurde viel zu wenig erreicht. Und bei der Biomasse bleibt noch viel ungenutztes Potenzial.“

Die fünf Windräder, die ich auf Sebastians Balkon von weitem sich harmonisch drehen sehen konnte, sind tatsächlich die einzigen im ganzen Umland – für eine Stadt, die für sich eine Pionierrolle in der Klimapolitik beansprucht, finde ich das schon sehr kümmerlich. Nur knapp zwei Prozent des Stromverbrauchs liefern die fünf Anlagen. Würde man die inzwischen schon ein paar Jahre alten Windanlagen auf den aktuellen Leistungsstandard von 2,5 Megawatt bringen (damals hatte man noch kleinere 1,8-Megawatt-Anlagen installiert), könnten sie immerhin die Hälfte mehr Strom produzieren.

„Wir wünschen uns mehr Wind“, schnauft Wörner. „Aber wir hatten mit bürokratischen Hemmnissen zu kämpfen, dass einem die grauen Haare kommen. „Der Regionalplan, der von der CDU-dominierten Regionalversammlung gemacht wird, lässt oft keinen Spielraum für Windkraft. Die Bevölkerung ist da schon weiter. Zu Beginn hatten wir noch Akzeptanzprobleme, aber jetzt kaum noch.“ Damals hatte auch die CDU-Landesregierung unter Windkraft-Hasser Erwin Teufel versucht, den Bau der Windräder zu stoppen, indem die Benutzung der Straßen durch den Staatsforst verboten wurde und das Regierungspräsidium angewiesen wurde, die bereits erteilte Baugenehmigung zu widerrufen.

Die Freiburger Bürger selbst wünschen sich eine Verspargelung des Schwarzwalds, nur die CDU-Bosse in Stuttgart sind dagegen, und legen den grünen Ambitionen Steine in den Weg. Den Stillstand bei der Windenergie konnte die Photovoltaik nicht wettmachen. Doch der neueste Clou der Freiburger: Dank Flugbildauswertungen kann seit kurzem jeder Bürger mit einem Mausklick nachschauen, ob sich sein Hausdach für Photovoltaik eignet. Ich fühle mich an meine bayerische Heimat erinnert, wo die CSU in München die Windkraft hasst wie der Teufel das Weihwasser, und flächendeckend den Bau von Wind­rädern unmöglich macht, dafür aber immer mehr Bürger-Solaranlagen auf den Dächern von Wohnhäusern, Turnhallen und Schulen glänzen.

Große Hoffnungen setzt Dieter Wörner auf die Biomasse, mit der in hocheffizienten Blockheiz­kraftwerken (BHKWs) gleichzeitig Strom und Wärme erzeugt werden können. Mindestens sechs Prozent des gesamten Gasverbrauchs im Versorgungsgebiet der Stadtwerke können so durch regional erzeugte Biomasse ersetzt werden, hat das Umweltamt nachrechnen lassen, und zwar ohne dass zusätzliche Flächen benötigt werden. Als Brennstoffe werden beispielsweise Holzhackschnitzel, verdorbenes Getreide oder auf stillgelegten Flächen angebaute Energiepflanzen verwendet.

Dank den Einspeisevergütungen, die von einem Gesetz der Bundesregierung garantiert werden, können alle bisher betriebenen Anlagen ohne extra Zuschüsse wirtschaftlich laufen, will Wörner noch betont wissen. Wie zum Beweis baut daher momentan das Chemie-Unternehmen Rhodia, der größte Arbeitgeber Freiburgs mit einem hohen Prozesswärme­verbrauch, ein eigenes Biomasse-Kraftwerk. Öko funktioniert.

„Trotz allem: Die Klimaziele werden wir verfehlen“, konzediert der Chef-Umweltschützer. Bis zum Jahr 2010, so lautete das erklärte Ziel des Gemeinderats, sollte so der Ausstoß an Treibhausgasen um 25 Prozent reduziert werden. „Wir werden das nicht schaffen. Aber die Richtung stimmt: Bisher sind 14 Prozent geschafft. Wäre unsere Bevölkerung nicht gewachsen, hätten wir bereits 20 Prozent erreicht.“

Beim lokal ansässigen Öko-Institut, das schon seit den 1970ern bundesweit für seine Umwelt-Studien bekannt ist, hat der Gemeinderat nachrechnen lassen, welche Klimaziele für die Zukunft realistisch sind. Die Forscher haben ermittelt, dass bis zu 40 Prozent weniger Kohlendioxid bis zum Jahr 2030 machbar sind, wenn alle an einem Strang ziehen. „Auf den bisherigen Erfolgen können wir uns nicht ausruhen. Das ist kein Ruhekissen“, sagt Wörner. „Wir müssen mehr für Effizienz tun und für erneuerbare Energien. Auf längere Sicht ist ein Anteil von rund 80 Prozent erneuerbaren Energien auf jeden Fall realistisch.“

Ingenieure sind normalerweise keine Ökos und Gutmenschen. Doch spätestens, als Wörner den altbackenen Öko-Slogan „Gut leben statt viel haben“ anbringt, sehe ich meine Vorurteile erschüttert. Ob das nicht ein unrealistischer Wunschtraum sei, wage ich zu zweifeln. Wörner fragt mich, ob ich schon mal in Vauban war, dort könne ich sehen, was er meint. Das also wird meine nächste Station.

 

Die Solarsiedlung

Vor dem Rathaus holt mich Lukas ab. Wie mein Gastgeber Sebastian ist auch er bei der Wählervereinigung „Junges Freiburg“ aktiv und hat mir angeboten, mich durch das Quartier Vauban zu führen. An seiner Schule ist Lukas in einer Arbeitsgruppe engagiert, die eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Gymnasiums installiert hat. „Wir haben 33 Kilowatt Peak aufs Dach montiert“, erzählt der 15jährige stolz.

Ich bin verdutzt. Als ich mein Praktikum im Europaparlament gemacht habe, musste ich einem Mitarbeiter dort erklären, was das kleine „p“ hinter den Kilowatt-Angaben bei der Photovoltaik bedeutet – nämlich eben als Abkürzung für „Peak“, also die maximale Leistung der Solarmodule bei Sonnenschein. Und jetzt sitze ich mit einem 15jährigen in der Straßen­bahn, der wie selbstverständlich den Fachjargon rauf- und runterrattert. Mein Staunen merkt mir Lukas scheinbar an. „Wir sind in Freiburg. Da musst du dich dran gewöhnen.“ Alt lernt von Jung, denke ich mir mit meinen 24 Jahren, so weit bin ich also schon.

Nach nur ein paar Minuten Fahrt steigen wir am wohl berühmtesten Stadtteil Freiburgs aus. Ich fühle mich wie im Märchenland: Bunte Wohnhäuser mit schimmernden Solarpanelen, dazwischen autofreie Straßen mit spielenden Kindern.

Auf der anderen Seite wurde ein ehemaliges Kasernengebäude zu einem selbstverwalteten Wohnheim umgebaut, in dem Studenten und sozial Schwache eine günstige Bleibe gefunden haben. Insgesamt 240 Menschen, vom Säugling bis zum 50jährigen, leben in dem alternativen Nachbarschafts­zentrum, dessen Fassaden­bild einer fröhlichen Pippi Langstrumpf mit Luftballons zum inoffiziellen Logo für den Stadtteil wurde.

Zigarettenautomaten sucht man vergebens, dafür findet man Automaten für Fahrradschläuche. Die wenigen Parkplätze, die es gibt, sind meistens für Car-Sharing reserviert, einige sind mit einer Steckdose für Elektro-Autos ausgerüstet.

Mittendrin das Wahrzeichen von Vauban: das Sonnenschiff, ein solares Wohn- und Geschäftshaus. Im Erdgeschoss kann man sich u.a. bei einem Bio-Bäcker und einem Bio-Super­markt versorgen, im Rest des Gebäudes sind Büros und Arztpraxen untergebracht.  Auf dem Dach des Sonnenschiffs stehen neun Penthäuser, mit einer beeindruckenden Aussicht auf eine blühende Gartenlandschaft.

Eines der Büros im Sonnenschiff gehört dem Architekten Rolf Disch. Der gebürtige Freiburger gilt als der bedeutendste Solararchitekt in Deutschland, hat für sein Können in ökologischem Bauen schon geschätzte vier Dutzend Preise erhalten, und ist der geistige Vater der Solarsiedlung im Quartier Vauban. Zu einer halben Stunden Gespräch hatte ich mich mit Rolf Disch verabredet. Der Weg zu seinem Besprechungsraum führt vorbei an einer kleinen Öko- und Architektur-Bibliothek, drinnen hängen Entwürfe eines Solardachs für die Frei­burger Bahnhofsbrücke und eines Solarkraftwerks als Pavillon für den Auftritt der Stadt auf der EXPO-Weltausstellung in Shanghai.

Rolf Disch ist 65, wirkt aber gefühlte fünfzehn Jahre jünger. Das warme Freiburger Klima hat seine wohltuenden Spuren hinterlassen. „Man muss sich zu Hause wohl fühlen“, ist der erste Satz, den der Solarmann sagt, und man merkt sichtlich ihm an, wie sehr das für ihn persönlich gilt. „Und zwar so wohl, dass man eigentlich gar nicht mehr weg will.“ Angenehmes Wohnen ist für ihn das zentrale Kriterium, wenn er ein Haus plant. Denn wer gerne zu Hause ist, der fährt nicht weg. „Das erledigt viele Verkehrsprobleme und viele Klimagase gleich noch mit.“

Wohnen kann man in Vauban in der Tat sehr wohlig. Die ganze Siedlung ist sehr kompakt und platzsparend angelegt, doch so bunt und grün, dass die Platzenge gar nicht auffällt.

Vor allem für Familien ist Vauban ein Traum. So viele Kinder auf einem Fleck sieht man selten – von der Kinderfeindlichkeit unserer Gesellschaft ist hier nichts zu spüren. Spielplätze kreuzen die Wege zwischen den Wohnhäusern, wo sich die Eltern keine Sorgen um Autos machen müssen und auch vom Fenster oder dem Garten aus ein Auge auf ihren Nachwuchs werfen können; Kindergarten und Grundschule sind gleich ums Eck; es gibt auch an den Häusern außen frei zugängliche Hasenställe für die kleinen Nager der Kinder. Das gibt es sonst nie in Freiburg.

Angeblich ist das Viertel der kinderreichste Stadtteil in Deutschland. Immerhin ist jeder dritte Vauban-Bewohner jünger als 18. Da dürfte selbst der Berliner Trendbezirk Prenzlauer Berg nicht mithalten können. „Die Leute sagen, sie leben wie im Paradies“, schwärmt Rolf Disch. „Die Leute reden und leben miteinander, es ist richtige Ferienstimmung.“

Die Solarsiedlung im Quartier Vauban besteht aus so genannten Plusenergiehäusern, die mittels Sonnenenergie und ein gemeinsames Blockheizkraftwerk mehr Energie produzieren, als sie verbraucht. „Ein so genanntes Passivhaus, das hohe Effizienzstandards hat, braucht nur noch 90 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Das will die Stadt Freiburg jetzt verbindlich für alle Neubauten machen – aber das ist eigentlich viel zu wenig, damit können wir uns nicht zufrieden geben“, erklärt mir der Star-Architekt. „Wir gewinnen hier nämlich netto 36 Kilowattstunden. Mit dem Überschuss kann man noch über 100 Kilometer mit seinem Elektroauto fahren.“

Das Geheimrezept: Die Gebäude sind mit einer superdichten Gebäudehülle ausgestattet, so dass es im Haus nicht zieht, d.h. die Häuser sind luftdicht, und durch die erstklassige Dämmung geht keine Wärme nach draußen verloren.

In jeder Wohnung gibt es ein ausgeklügeltes Belüftungssystem, um die Abluft zur Wärmerückgewinnung zu nutzen; die neu einströmende Zuluft muss daher nicht extra aufgeheizt werden. Im Sommer bleibt es dadurch angenehm kühl, im Winter angenehm warm. Die Fenster können manuell geöffnet werden. Dazu braucht es noch die effizientesten Geräte im Haushalt. Damit wird der Energieverbrauch der Häuser auf ein Minimum gedrosselt.

Der Restbedarf an Energie wird durch Photovoltaik-Panele für den Strom und ein gemeinsames Holzhackschnitzel-Heizkraftwerk gedeckt. Mit dem ist Disch nicht richtig zufrieden: „Wenn der Motor richtig laufen würde, wäre die Bilanz noch besser“, beschwert er sich. „Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir selbst ein Heizkraftwerk gebaut, jetzt bekommen wir die Energie noch von den regionalen Stadtwerken.“ Eine neue Solarsiedlung in Köln, berichtet Disch, soll durch den Einsatz von Biogas schon 120 Kilowattstunden plus machen – wesentlich mehr also, als im solaren Avantgarde-Viertel Vauban.

Wichtiger als die technischen Raffinessen sind dem Freiburger Lokalpatrioten Rolf Disch aber die politischen Botschaften hinter seinem Handwerk: „Unser Geld fließt zur russischen Gazprom oder zu den arabischen Ölstaaten, und die machen damit nicht gerade Gutes für die Umwelt. Wir müssen uns doch fragen, was mit unserem Geld passieren soll.“ Mit den Plusenergiehäusern bleibe das Geld im Land, und stütze regionale Wertschöpfung und krisenfeste Arbeitsplätze überall.

Gleichzeitig sei dem Klima geholfen, unterstreicht Disch: „Wenn wir unsere Energie­versorgung nicht auf nachhaltige, dezentrale Versorgungsstrukturen umbauen, schieben wir die Probleme auf unsere Kinder ab. Die müssen die Klimakatastrophe ausbaden: Wenn die Gletscher schmelzen oder der Amazonas austrocknet, kommt der ganze Planet aus dem Gleichgewicht.“

Im sonnigen Freiburg mag eine solche Vision ja möglich sein, wende ich ein. Scheint nicht zum Beispiel in Flensburg, der Heimat meines Lieblings-Pilseners, zu wenig Sonne, um ganze Siedlungen mit solarer Wärme und Strom zu versorgen? Meine Skepsis entlockt dem Bau-Profi nur ein Schmunzeln. „Die Differenz an Sonneneinstrahlung macht nur zehn Prozent aus“, klärt er mich auf. „Mit der gleichen Logik könnte ich auch sagen, dass es in Freiburg nie regnet, weil hier ja mehr Sonne scheint.“

Das größte Hindernis auf dem Weg zum Solarzeitalter sind die Vorurteile und Falsch­informationen, die sich in den Köpfen der Menschen festgefahren haben, meint Disch. Seit er mit seinem Engagement begonnen habe, sei er immer wieder als Spinner abgestempelt worden, habe immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen gehabt – und die Realität gab ihm schließlich immer wieder Recht. „Als ich 1986 in einem leer stehenden Supermarkt die ersten Solarfahrzeuge und die erste Solartankstelle auf eigene Kosten gebaut habe, haben die Leute hämisch gelacht: das fahre ja nur, wenn die Sonne scheine, spotteten sie. Ich galt damals geradezu als begnadeter Spinner – nämlich als einer, der diese Spinnereien auch noch umsetzt.“

Seinem Vater war das damals peinlich gewesen, von ihm habe er sich mehrfach anhören müssen, dass die ganze Stadt über ihn lache. Heute erhält er massig Innovationspreise, Designpreise und Architekturpreise. „Mit meinem Heliotrop, in dem ich wohne – ein drehbares Haus, das dem Lauf der Sonne folgt – sind wir damals über die Grenzen des Möglichen hinausgegangen. Wir haben schon vor 15 Jahren ein Plusenergiehaus gebaut, dessen Mehrkosten im Lauf der Zeit wieder reinkamen. Wir müssen die Grenzen kennen, um sie immer wieder zu sprengen.“

Auch die heutige Vorzeige-Siedlung Vauban wäre es am Anfang schlecht bestellt gewesen. Ohne den Einsatz der Bürger gegen den Oberbürgermeister und die Stadtverwaltung hätte es das Solarviertel in dieser Art nicht gegeben. „Der Bürgermeister meinte damals noch, er lege seine Hand dafür ins Feuer, dass das nicht gebaut wird“, erzählt Disch. „Aber die politische Großwetterlage geht jetzt zumindest in die richtige Richtung.“ Seine Vision: Die Plusenergiestadt. „Im Grunde ist es nur das kleine Einmaleins der Architektur.“

 

Auszüge abgedruckt in einem französischen Deutsch-Schulbuch (hier als pdf)