Mythen und Fakten zur Rente

Beim Satz „Die Rente ist sicher!“ lachen viele nur noch zynisch. Viele haben das Vertrauen an die staatliche Rente, die im Umlageverfahren organisiert ist, verloren. Das ist schade, denn die Rente ist besser als ihr Ruf. Hier einige Mythen und Fakten zur deutschen Rentenversicherung.
Mythos: “Die Renten sinken!”

Falsch! Viele Menschen glauben, dass die Renten sinken. Das stimmt aber nicht. Die Renten steigen weiter – nur etwas weniger stark als noch bis vor einigen Jahren. Im Jahr 2016 gab es sogar die stärkste Rentenerhöhung seit 23 Jahren  – um 6,0% (Ost) bzw. 4,3% (West). Im Jahr 2017 folgte dann eine Erhöhung um 3,6% (Ost) bzw. 1,9% (West), so die Zahlen der Deutschen Rentenversicherung.

Seit 2005 steigen die Renten allerdings nicht mehr so stark wie die Löhne, sondern etwa 0,5 Prozentpunkte weniger stark. Wenn die Löhne wie bislang im langfristigen Mittel um 1,5% jährlich steigen (kaufkraftbereinigt, also unter Abzug der Inflationsrate), dann steigen die Renten um 1,0% jährlich – unter dem Strich immer noch ein Plus an Kaufkraft. So schreibt es das Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik. Im Klartext: “Die Kaufkraft der Renten in 30 Jahren wird etwa 30% höher liegen als heute.”

Die 2009 eingeführte gesetzliche Rentengarantie verhindert eine Kürzung der Renten sogar dann, wenn sie eigentlich sinken müssten (das wäre der Fall, wenn die Löhne sinken, da die Rentenentwicklung an die Nettolöhne gekoppelt ist). Daher blieben die Renten auch im Krisenjahr 2010 stabil.

Warum glauben trotzdem viele Menschen, dass die Renten sinken? Sie verwechseln die tatsächlichen Rentenzahlungen (die steigen) mit dem Rentenniveau (das sinkt). Das Rentenniveau definiert aber das Verhältnis der Renten zu den Löhnen; dieses geht auseinander, was heißt, dass die Rentner von morgen es im Vergleich zu den Arbeitnehmern von morgen es schlechter haben werden – aber sie haben es (deutlich) besser als die Rentner von heute.

 

Mythos: “Altersarmut steigt an!”

Nur teilweise richtig! Die Altersarmut steigt tatsächlich an, aber insgesamt auf relativ niedrigem Niveau. Lediglich 3,0 Prozent der Menschen über 65 waren 2017 auf Grundsicherung im Alter angewiesen. Nach Berechnungen des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik wird diese Quote bis 2030 “im schwärzesten aller Fälle” auf maximal 5,4 Prozent steigen – fast eine Verdopplung also, aber immer noch heißt das im Umkehrschluss: Knapp 95 Prozent haben so viel Rente, dass sie nicht auf staatliche Fürsorge angewiesen sind. Und: Das ist immer noch deutlich weniger als die Sozialbezugsquote im Schnitt der Bevölkerung (9 Prozent in 2015) oder bei Kindern (15 Prozent in 2015).

Beispiel für eine typische Schlagzeile: Die BILD schreibt: Arm trotz Rente! Leipziger (72) muss putzen bis zum Tod Eine reißerische Überschrift mit wenig Substanz. Im betreffenden Fall muss der Herr von seiner Rente noch alte Schulden abzahlen; das frisst die Hälfte seiner Rente auf. Zweitens war er lange Zeit selbstständig – und daher gar nicht gesetzlich versichert. Drittens kann er Grundsicherung beantragen, will aber nicht, wegen seiner „Würde“ (während es nicht unter seine Würde ist, sich von der BILD beim Kloputzen fotografieren zu lassen). Viertens lebt er in einer „großen Wohnung“ mit Garten und kann sich laut eigenen Angaben im Supermarkt alles kaufen, was er will – es geht im also vielleicht doch nicht ganz so schlecht.

 

“Deutsche Rentner werden gemolken, aber die Kroaten kriegen fette Renten!”

Falsch! Ende 2017 sorgte eine Studie der OECD für hitzige Debatten. Eine medial verbreitete Tabelle zeigte einen Vergleich der Renten der Industrienationen, wonach die Kroaten angeblich 129,2 Prozent ihres Nettoverdienstes als als Rente erhalten würden, die Niederlande noch 100,6 Prozent, und Deutschland nur relativ magere 50,5 Prozent. Das wäre 20 Prozentpunkte weniger als im EU-Durchschnitt. Das erweckte den Eindruck, dass sich die Deutschen dumm und dämlich schuften müssen, um am Ende nur eine dürftige Rente zu bekommen, während anderswo die Rentner in Saus und Braus leben würden. Noch ärmer dran ist Großbritannien, wo die Rentner augenscheinlich mit kargen 29,0 Prozent ihr Dasein fristen müssen.

Diese Eindruck ist aber falsch. Denn die Tabelle, die auf Basis der OECD-Studie von der Nachrichtenagentur afp erstellt wurde und so ihren Weg in die Medien fand, ist aus mehreren Gründen irreführend:

  1. Die in der Presse verbreitete Grafik gab fälschlicherweise an, dass es sich bei diesen Zahlen um “Durchschnittswerte” handele. Im Gegenteil handelt es sich aber lediglich um Prognosen für einen Modell-Arbeitnehmer, der 1996 geboren ist, 2016 eine Arbeit aufnahm und das ganze Erwerbsleben lang genau den Durchschnittslohn verdient. Anders als die Tabelle glauben machte, handelt es sich also nicht um reale Werte für heute, sondern um modellhafte Berechnungen für eine ziemlich ferne Zukunft (in 45 Jahren).
  2. Die Tabelle berücksichtigte nur verpflichtende Renten. Für Länder, wo private oder betriebliche Vorsorge eine größere Rolle spielen, mussten die Werte daher zwangsläufig niedriger ausfallen – einzig und allein weil die Menschen dort anders vorsorgen als über staatliche Renten. Das wirkt erheblich verzerrend. Rechnet man freiwillige Vorsorge mit ein, springt das Niveau in Großbritannien von 29,0 auf 62,2 Prozent, in Deutschland von 50,5 auf 65,4 Prozent. In den Niederlanden bleibt es bei 100,6 Prozent, weil die Betriebsrente dort bereits als “quasi-verpflichtend” bereits mit eingerechnet war.
  3. Das Rentenalter wurde in Deutschland auf 65 Jahre veranschlagt. In den Niederlanden nahm die Studie ein Rentenalter von 71 Jahren an – denn dort ist der Renteneintritt an die Lebenserwartung gekoppelt. Das erklärt auch den sehr hohen Wert – wer länger arbeitet und kürzer Rente bezieht, der kann eben eine höhere Rente erwarten.
  4. Woher kommt nun der Wert für Kroatien? Die Studie der OECD beschäftigt sich mit Kroatien gar nicht. Dennoch steht der Wert in der Tabelle, die in der Presse verbreitet wurde. Des Rätsels Lösung: Die Studie enthielt einen Link zu einer Tabelle, die auch Werte für Kroatien abbildete – allerdings mit einer ganz anderen Rechenmethode. Der korrekte Vergleichswert für Kroatien liegt demnach nicht bei sagenhaften 129,2 Prozent, sondern bei 58,0 Prozent.

Vergleiche hierzu auch die Recherchen der ZEIT.

 

“Österreich macht alles besser!”

Nur teilweise richtig! Österreich hat scheinbar ein vorbildliches Rentensystem: ein deutlich höheres Rentenniveau als in Deutschland, zudem ist das Rentenalter von 65 Jahren unangetastet. Für diverse Talkshows und Zeitungen, für Sahra Wagenknecht und rechte Blogs ist unser Nachbar daher das Vorzeigemodell für Deutschland, und die Politiker hierzulande seien nur zu dumm oder zu korrupt, das alles auch hier umzusetzen.

Beim näheren Hinsehen gibt es viele Fragezeichen beim Rentenparadies Österreich. Denn, so zeigen vergleichende Analysen (Deutsche Rentenversicherung und WSI):

  1. Die Österreicher haben einen höheren Beitragssatz als die Deutschen (2015: 22,8% im Vergleich zu 18,7%). Das ist ein eklatanter Unterschied von mehr als einem Fünftel (22%). Wer mehr einzahlt, bekommt natürlich später auch mehr raus. Dafür hat er während des Arbeitslebens aber spürbar weniger in der Tasche.
  2. Österreich hat eine bessere Demografie als Deutschland. Der Altersquotient (also die Relation der über 65-Jährigen zur Anzahl der 20- bis 64-Jährigen) liegt in Deutschland bei 35% (2015), in Österreich hingegen nur bei 30%. Für das Jahr 2050 wird ein Altersquotient von 65% in Deutschland und nur 53% in Österreich für wahrscheinlich gehalten. Das führt zu deutlich höheren Rentenlasten in Deutschland: Laut EU Ageing Report würde der für Renten und Pensionen erforderliche BIP-Anteil in Österreich langfristig kaum steigen (nur um 0,5 Prozentpunkte bis 2060), in Deutschland allerdings enorm (um 2,7 Prozentpunkte).
  3. Zudem kommt Österreich zugute, dass dort auch Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen sind: Dadurch liegt Anteil der Pflichtbeitragszahler an der Bevölkerung im Erwerbsalter in Österreich bei 71% und ist somit höher als in Deutschland (mit 64%).
  4. Die Mindestwartezeit, die man einzahlen muss, um eine Rente zu erhalten, ist in Österreich deutlich höher als in Deutschland: dort 15 Jahre, hier 5 Jahre. Das führt zu zum Teil extrem geringen Renten in Deutschland, denn wer nur wenige Jahre eingezahlt hat, der bekommt auch nur extrem wenig raus. Österreich macht sich gar nicht erst die Mühe, solche Kleinrenten zu bezahlen. Das hat Auswirkungen auf die Statistik: Die statistische Durchschnittsrente klettert nach oben. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung würde die deutsche Durchschnittsrente allein dadurch um 100 Euro steigen, wenn man die Kleinstrenten ausklammern würde.
  5. Die Renten in Österreich müssen zu 100% voll besteuert werden, in Deutschland dagegen nur zu derzeit 74%. Es bleibt dort also im Verhältnis weniger netto vom brutto übrig.
  6. Wer in Österreich vor dem regulären Rentenalter in Ruhestand geht, muss höhere Abschläge verkraften (Österreich: minus 4,2% pro Jahr; Deutschland: minus 3,6% pro Jahr). Auch wer wegen Erwerbsminderung früher in Rente gehen muss, bekommt dort höhere Abschläge (Österreich: bis zu 13,8%; Deutschland: bis zu 10,8%). Wer länger arbeitet, bekommt geringere Zuschläge als in Deutschland (Österreich: plus 4,2% pro Jahr; Deutschland: plus 6,0% pro Jahr).
  7. Die Zuschüsse aus dem Steuertopf für die Rentenkassen sind in beiden Ländern zwar prozentual ähnlich hoch, sie müssten aber in Deutschland eigentlich höher sein, weil hier die Finanzierung der Ostrenten im Zuge der Wiedervereinigung berücksichtigt werden müsste. Dies würde unter sonst gleichen Umständen höhere Renten ermöglichen. In Deutschland macht der Steuerzuschuss zur Rente aber bereits heute 29% des gesamten Bundeshaushalts aus – im Jahr 2018 waren das über 100 Mrd. Euro. Da ist nicht mehr viel Luft nach oben.

Kurz: Wollte man auch in Deutschland so hohe Renten wie in Österreich, müsste man den Beitrag deutlich erhöhen. Dann ist der Zauber aber vorbei.

Trotzdem kann man von Österreich einiges lernen. So ist dort beispielsweise dank einer Mindestrente besser abgesichert, wer ein geringes Einkommen hat. Und auch der Einbezug von Beamten sorgt dort für Entlastungswirkung, weil deren Pensionsansprüche langfristig an die Arbeitnehmer angeglichen werden. Für Deutschland macht eine systemadäquate Übertragung der Reformen der gesetzlichen Rentenversicherung auf die Beamtenpensionen durchaus Sinn. Auch die Stärkung von Mindestsicherungselementen über die bloße Grundsicherung im Alter hinaus – gelegentlich diskutiert als “Solidarrente” – wäre begrüßenswert.