„Eine große Ungerechtigkeit“

Junge haben keine Lobby, meint Wolfgang Gründinger. Ein Beispiel: die Rentenreform.
Interview in der Berliner Morgenpost, 31.5.2014

Berliner Morgenpost: Gerade hat der Bundestag eine Rentenreform beschlossen – ein schwarzer Tag für junge Beitragszahler?

Wolfgang Gründinger: Ein schwarzer Tag ist zu viel gesagt, aber es sind auf jeden Fall falsche Prioritäten gesetzt worden. Diese Reformen sind sehr teuer und sie kommen nur den heute Älteren zugute, nicht den Jüngeren. Weil die Beiträge steigen, sinken auch die Nettolöhne und als Folge davon die künftigen Renten, die an die Nettolöhne gekoppelt sind.

Welche Jahrgänge profitieren besonders von der Rentenreform, die eine abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren für langjährig Versicherte und eine Verbesserung der Rente von Müttern oder Vätern, deren Kinder vor 1992 geboren sind, vorsieht? Auf welche kommen umgekehrt die höchsten Belastungen zu?

Die höchsten Belastungen haben die Jahrgänge nach 1964, denn sie profitieren nicht mehr von der Rente mit 63 – diese Regelung läuft in einigen Jahren aus. Am meisten profitieren die Frauen, deren Kinder vor 1992 geboren sind, die Babyboomer-Jahrgänge.

Also auch Ihre Mutter. Hat sie es nicht verdient, dass sie künftig durch die „Mütterrente“ mehr Geld bekommt?

(Lächelt) Ich gönne es ihr sehr, denn sie hat ja auch den folgenschweren Fehler begangen, mich und meinen Bruder vor dem Stichjahr 1992 auf die Welt zu bringen. Außerdem hat sie uns beide alleine großgezogen. Andererseits ist es auch nicht gerecht, dass die Mütter, die eine Grundsicherung haben, von der Reform nicht profitieren, weil diese mit der Mütterrente verrechnet wird. Wenn man ein paar Jahre Hausfrau war, ein paar Jobs hatte, zwischendrin vielleicht Teilzeit gearbeitet hat und dafür noch schlecht bezahlt worden ist, dann ist man trotz jahrzehntelanger Einzahlungen auf Grundsicherung angewiesen und hat von der Mütterrente überhaupt nichts.

Trotzdem erkennen Sie den Anspruch der Mütter auf eine angemessene Honorierung ihrer Lebensleistung an. Wie könnte das geschehen, ohne dass junge Menschen über Gebühr belastet werden?

Auf jeden Fall müsste man die Mütterrente aus Steuermitteln finanzieren, und man müsste sie seriös gegenrechnen. Sie darf nicht auf Kosten von Zukunftsinvestitionen und nicht durch neue Kredite finanziert werden.

Gilt das auch für die Rente mit 63 Jahren?

Da bin ich hin- und hergerissen. Aber auch die Rente mit 63 kommt nicht denen zugute, denen man eigentlich helfen müsste. Es wird zwar nicht zu einer massiven Frühverrentungswelle kommen, aber es ist ein falsches Signal – also kein Signal Richtung Demografie-Festigkeit.

Trotz der von Ihnen kritisierten Defizite ist die Rentenreform sehr populär.

Viele haben die Illusion, dass sie auch mit 63 Jahren in Rente gehen könnten – das stimmt jedoch für die allermeisten nicht. Die Zustimmungswerte für die Rentenreform sind so hoch, weil die allermeisten nicht verstanden haben, dass sie davon nicht profitieren werden. Alle Jahrgänge, die nach 1964 geboren sind, haben überhaupt nichts von dieser Rentenreform.

Und warum mischen sich junge Menschen nicht stärker in die politische Debatte ein, obwohl sie nach derzeitigem Stand aus den Rentenkassen viel weniger erhalten werden als sie einzahlen?

Diese Diskrepanz zwischen Einzahlungen und Auszahlungen ist auf jeden Fall eine große Ungerechtigkeit. Aber es gibt eine Art Fatalismus bei vielen jungen Menschen. Sie denken, dass sie ohnehin keine Rente mehr bekommen werden. Außerdem müssen sie sich um viele andere Dinge kümmern: Sie müssen einen Ausbildungsplatz oder einen Studienplatz finden, sie müssen sich um eine bezahlbare Wohnung kümmern und am besten auch noch einen Partner finden, mit dem sie Kinder bekommen können – denn auch das wird von ihnen erwartet. Und sie müssen sich einen gut bezahlten Job beschaffen. Viele unter 30-Jährige bekommen nur einen Mindestlohn und haben befristete Verträge.

In Ihrem Buch „Aufstand der Jungen“ haben Sie sich für das Aushandeln eines neuen Generationenvertrages stark gemacht.

Ja, aber es muss keinen Aufstand gegen die Alten geben, sondern gegen einen ungerechten Zustand und für mehr Nachhaltigkeit und mehr Mitspracherechte. Dieser Aufstand vollzieht sich bereits – nicht in Form starker Massenproteste, sondern unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsebene. Er äußert sich etwa in der Gründung zahlreicher nachhaltig wirtschaftender Unternehmen, die auf sozialen oder ökologischen Geschäftsideen basieren. Er äußert sich auch in einer anderen Arbeitskultur mit mehr Zeit und Flexibilität für Familie und Freunde. Die Idee, dass Zeit wichtiger ist als Geld, eint viele. Wir als junge Menschen haben ein anderes Verständnis davon, wie wir leben und arbeiten wollen.

Haben junge Leute eine ausreichende Lobby in der Politik?

Nein. Das kann man an vielen Entscheidungen und Strukturen erkennen. Auch der Handlungshorizont von jüngeren Politikern ist begrenzt: Sie orientieren sich, um wiedergewählt zu werden, in vorauseilendem Gehorsam daran, was die Mehrheit der älteren Wähler will. Ein Beispiel ist auch der Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung, in dem viele respektable Persönlichkeiten sitzen, aber kein Mensch unter 50 Jahren.

Was würden Sie strukturell ändern?

Die unter 18-Jährigen sollten ein Wahlrecht bekommen, die Altersgrenzen sollten fallen.

Also ein Wahlrecht auch für Einjährige? Das scheint absurd.

Der Einjährige würde nicht wählen. Er wäre zwar theoretisch wahlberechtigt, würde aber aus Gründen, die jedem einsichtig sind, nicht von seinem Wahlrecht Gebrauch machen können. Genau so, wie es 140-Jährige nicht mehr tun könnten.

Aber kleine Kinder sind doch viel stärker manipulierbar als Erwachsene.

Auch Erwachsene sind Einflüsterungen ausgesetzt. Und denken Sie doch nur daran, dass bei der Europa-Wahl wieder Hunderttausende Demenzkranke mitgewählt haben. Oder an die vielen Erwachsenen, die große Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben – auch sie haben ein Wahlrecht!

Interview, Berliner Morgenpost, 31.5.2014