Ein Leben ohne Internet kann ich mir nicht mehr vorstellen

Die SPD hat 100 Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft, Kultur – aber auch ganz normale Bürgerinnen und Bürger – jeweils zehn Fragen zur digitalen Gesellschaft von Morgen gestellt. Hier meine Antworten.

 

1. In einer digitalen Welt zu leben, bedeutet für mich…
Es gibt keine klare Trennung mehr zwischen „Online“ und „Offline“. Mit dem Smartphone bin ich eigentlich immer online. Ich höre online Musik, schaue online Filme, ich arbeite, kaufe, kommuniziere, flirte. Kurz: lebe online. Ein Leben ohne Internet, wie ich es noch aus meiner Jugend kenne, kann ich mir nicht mehr vorstellen. Es war keine schöne Zeit damals.

2. Unverzichtbar oder überflüssig, Arbeit oder Freizeit? Mein Computer ist für mich…
…unverzichtbar, für Arbeit und Freizeit gleichermaßen. Internet ist ein Grundbedürfnis in der modernen Welt. Ohne Laptop kann ich als politischer Autor gar nicht arbeiten, ohne Internet nicht mit Freunden kommunizieren oder ein Restaurant raussuchen. Nur was meint das Wort „Computer“? Jedes Smartphone ist heute zig-fach rechenstärker als die PCs meiner Jugendzeit.

3. Wirklich gut! Die größte Chance durch die Digitalisierung ist…
…die Nutzung von Big Data, also der Analyse großer Datenmengen, um unsere Gesellschaft besser zu machen. Mithilfe von Big Data ließen sich Vorhersagen präziser machen als je zuvor und technische und wirtschaftliche Prozesse effizient und treffsicher steuern. Die Vorhersage von Naturkatastrophen und Extremwetterlagen könnte viele Menschenleben retten. Epidemien könnten besser eingedämmt werden, wie Ebola in Westafrika. Verkehrsströme könnten besser gelenkt werden, und Staus, Parkplatzsuche und Verkehrschaos verhindert. Die Energiewende kann nur durch Big Data gelingen – dem Zusammenschalten hunderttausender kleiner, dezentraler Anlagen von Stromerzeugung, -verbrauch und -speicherung, um die fluktuierende Erzeugung aus Sonne und Wind auszugleichen. Die gesamte Industrieproduktion kann durch Big Data revolutioniert werden („Industrie 4.0“), zu sich selbststeuernden Systemen. Es liegen große Chancen brach, die unsere Gesellschaft von Grund auf zum Positiven verändern können – und tiefgreifender, als wir uns das heute vorstellen können.

4. Bedrohlich! Wir müssen besonders aufpassen, dass…
…die Nutzung von Big Data, also die Analyse großer Datenmengen, unsere Gesellschaft nicht gefährdet. Big Data kann unsere Welt zwar in vieler Hinsicht zu einem besseren Ort machen, aber auch bedrohen: Das Szenario, dass staatliche Sicherheitsbehörden mithilfe von INDECT oder anderen Überwachungsprogrammen 80 Millionen Bürger dauerüberwacht und Verbrechen vorhersagt, ist näher an der Wirklichkeit, als wir ahnen. Die US-Regierung tötet bereits jetzt Terrorismusverdächtige in Pakistan auf Basis von Big-Data-Metaanalysen. Werden bald unschuldige Menschen präventiv verhaftet, weil Analysen ergeben, dass sie mit 99% Wahrscheinlichkeit ein Verbrechen begehen würden?

Ähnliche Horrorszenarien verbinden sich im Gesundheitssystem mit Big Data: Künftig könnten nur noch Menschen mit gesundem Lebensstil in den Genuss bezahlbarer Krankenversicherungen kommen, alle anderen müssen saftige Extraprämien zahlen. Generali gewährt bereits Versicherten mit gesunder Lebensweise einen Rabatt, überwacht per Fitness-Armband. Einer Gesundheits-Diktatur, wie sie Juli Zeh in ihrem dystopischen Roman „Corpus Delicti“ an die Wand zeichnet, scheint das gefährlich nah.

5. Die Digitalisierung verändert mein Leben durch…
…das Vernetzt sein mit meinen Freunden überall auf der Welt, 24/7, 365 Tage, und die ständige Verfügbarkeit faktisch unendlicher Mengen an Informationen und Kultur. Das ist bereichernd. Kann aber auch manchmal anstrengend sein.

6. Chatten mit den Enkeln, Einkaufen per Mausklick, Arbeiten ohne feste Bürozeiten. Was bringt die Digitalisierung für Familien und Ältere?
Mehr Chancen und Möglichkeiten, wenn sie denn genutzt werden! Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben auch von zu Hause; flexible und selbstbestimmte Arbeitszeiten dank Homeoffice; Einkaufen von zuhause statt Tüten schleppen oder von Nachbarn, Pflegern oder Familie abhängig zu sein; Kommunikation mit der Familie über große Distanzen hinweg. Das Internet kann hier unglaublich bereichernd wirken.

7. Programmieren in der Grundschule, das gesamte Faktenwissen der Welt in der Suchmaschine. Wie sollte Bildung in Zukunft aussehen?
Um die digitale Bildung ist es außerordentlich schlecht bestellt. Wir behandeln Informatik wie die Droge der Kellerkinder und Killerspieler, dabei ist sie das Handwerkszeug für die Architekten der Zukunft. Wir müssen uns klar darüber werden, was in diesem Jahrhundert wichtiger wird: Latein und Altgriechisch oder der kompetente Umgang mit Computern.

Es ist völlig absurd, wenn ausgerechnet die Schule, an der man den Umgang mit dem Netz und den digitalen Medien am besten erlernen könnte, zur handyfreien Zone und zum letzten Hort des Analogen erklärt wird, während in anderen Ländern längst Computing auf dem Lehrplan steht. Wenn Kinder lernen, mit Computern souverän (und nicht nur intuitiv) umzugehen, dann trotz und nicht wegen der Schule.

Unsere Kinder müssen auf die Zukunft vorbereitet werden, nicht auf die Vergangenheit. Wenn wir sie von Technologie fernhalten, dann schützen wir sie nicht, sondern schließen sie aus und hängen sie ab – sozial, kulturell, wirtschaftlich. Anstatt unsere Kinder zu Profis der Welt von morgen zu machen, machen wir sie zu Opfern der Schule von gestern.

8. An jedem Ort arbeiten können und ständig erreichbar sein. Was bedeutet das für die Arbeit im digitalen Zeitalter?
Das Internet macht es erstmals möglich, neue Formen der Erwerbstätigkeit zu organisieren: arbeiten, wo und wann man will. Dem Philosophen Oskar Negt zufolge bedeutet Freiheit die Möglichkeit, selbstbestimmt über Räume und Zeiten zu entscheiden. Digitale Arbeit kann in diesem Sinne eine Vision der Freiheit des Erwerbslebens darstellen: weniger Abhängigkeit
und Monotonie, raus aus der Festung der lebenslangen 40-Stunden-Festanstellung. Wäre das nicht ein sozialdemokratisches Kernthema für gesellschaftliche Emanzipation?

Andererseits: Es ist nicht mehr (nur oder primär) der Handwerker im Blaumann, der ausgebeutet wird, sondern es sind Freiberufler mit drei Jobs, aber ohne Rentenversicherung, die sich bereitwillig selbst ausbeuten, die von Auftraggebern unter Druck gesetzt und gegen die Konkurrenz ausgespielt werden. Die neuen Ausgebeuteten leben nicht so, wollen nicht so leben, wie es der Norm der Nachkriegsmentalität entspricht. Darauf müssen sich die staatlichen Sozialsysteme einstellen.

9. Was müssen wir im digitalen Zeitalter tun, damit unsere Wirtschaft erfolgreich bleibt?
Ob die Neuauflage der Störerhaftung (Haftungsbarrieren für offenes WLAN), Leistungsschutzrecht (Lizenzpflichten für das Verwenden eigentlich kostenfrei zugänglicher Inhalte), Entwürfe für einen neuen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (Alterskennzeichnung für alle Webseiten bis hin zum Kaninchenzuchtverein), die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung (staatlich dekretierte Totalüberwachung aller Bürger), Nachtverkaufsverbot für jugendgefährdende E-Books (während bis 22 Uhr der Zugang nicht beschränkt wird), voller Mehrwertsteuersatz auf E-Books (während für das identische Buch in gedruckter Form nur der ermäßigte Mehrwertsteuersatz gilt) oder die Ausnahme von Zeitungsausträgern vom Mindestlohn (ein bizarres Privileg für die Printzeitungs-Branche): Solche Nonsens-Gesetze gleichen einer Hommage an die Vergangenheit, einem Bollwerk gegen Wettbewerb, einer Trutzburg für das Gestern. Wir sind damit beschäftigt, überall Risiken zu suchen, und vergessen darüber die Chancen. Mit jedem Schutzschirm, der über den Status Quo aufgespannt wird, werden alle diejenigen, die zumindest im Kopf in der technologischen Realität des Jahres 2016 angekommen sind, gegen die Wand gedrängt.

10. Die Digitalisierung schafft Chancen und birgt Risiken. Von der SPD erwarte ich, dass sie…
Irgendwann hatte die SPD mal einen positiven Fortschrittsbegriff. Doch heute hat sie Angst vor dem Fortschritt. Die SPD steckt den Kopf in den Sand und glaubt, dadurch den Läufen der Zeit entgehen zu können. Man muss dem Zeitgeist ja nicht hinterherrennen. Aber man darf darüber auch nicht versäumen, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Chancen kann nur nutzen, wer sie sehen will.