„Die Jungen sind auf Dauer die Dummen“

SÜDWESTPRESSE: Herr Gründinger, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, Sie müssten sich nach jedem TV-Auftritt von Wutrentnern beschimpfen lassen, die Ihnen sagen, Sie würden Ihnen gerne den Hals umdrehen. Warum ist das so?

WOLFGANG GRÜNDINGER: Die Rentendebatte ist emotional völlig vergiftet. Viele ältere Menschen begreifen die leiseste Kritik am Rentensystem als Angriff auf ihre Lebensleistung. Doch darum geht es gar nicht.

Worum geht es Ihnen dann?

Um Gerechtigkeit zwischen den Generationen.  Selbstverständlich haben die heutigen Rentner jahrzehntelang gearbeitet und sollen ihren Ruhestand abgesichert genießen. Aber was sie bekommen, müssen andere erarbeiten – dieses Bewusstsein fehlt vielen.  Schon heute zahlen die Jungen mehr Beiträge in die Rentenkasse ein, als die heutigen Rentner in ihren jungen Jahren. Nur mit dem Unterschied, dass wir eines Tages eine deutlich geringere Rente erhalten werden – und deshalb auch noch stärker privat vorsorgen müssen, als es der Durchschnittsrentner von heute je getan hat.

Sie meinen, die Jungen  sind in mehrfacher Hinsicht im Nachteil.

Ja, sie sind auf Dauer die Dummen und müssen fürchten, dass die Politik keinen gerechten Ausgleich schafft.  Sie übt sich in einem Schmusekurs gegenüber den heutigen Rentnern, die schon ein Drittel der Wähler ausmachen. Union und SPD bringen keine echte Reform zustande, sondern haben mit der Mütterrente und der Rente ab 63 nach 45 Versicherungsjahren zwei Gruppen unter den Rentnern Geschenke gemacht, die andere bezahlen müssen. Was kein Wunder ist, denn mehr als die Hälfte der Mitglieder dieser Parteien ist über 60 Jahre alt.

Also eine klassische Klientelpolitik?

Ja, denn jeder Politiker, der das bestehende System aufbrechen wollte, beginge politischen Selbstmord. Das nimmt der jungen Generation das Vertrauen in die Rente. Es ist doch absurd: Wer 2010 in Rente ging, brauchte 28 Jahre Beitragsjahre, um sich eine Rente in Höhe der staatlichen Grundsicherung zu erwerben. Neurentner des Jahres 2030 müssen 33 Jahre gearbeitet haben, um eine Rente auf Grundsicherungsniveau zu erhalten. Rechnen Sie das mal weiter in die Zukunft. Wer gar zu Niedriglöhnen arbeitet, lebt im Alter so oder so  auf  Grundsicherungsniveau.

Was muss geschehen?

Das Rentenniveau muss auch für jüngere Generationen stets so sein, dass es überwiegend über der Grundsicherung liegt. Auch private Vorsorge muss sich lohnen. Das tut sie nicht, wenn sie später auf die Grundsicherung angerechnet wird. Zum einen darf es keine weiteren Geschenke für heutige Rentner mehr geben. Zum anderen ist es nicht allein Aufgabe der Beitragszahler, sondern aller Steuerzahler, also auch der Beamten und Selbstständigen, jedem, der 45 Jahre lang arbeitet, eine armutsfeste Rente zu garantieren. Auf lange Sicht – etwa um das Jahr 2060 – brauchen wir die Rente ab 70, weil die Menschen immer älter werden. Dann werden sie zwar länger arbeiten, aber dennoch ebenfalls länger Rente beziehen. So können wir die Belastungen fair aufteilen.

 

Interview in der Südwestpresse, 26.5.2016