Die Angst der FDP vor dem Fortschritt

Die FDP fordert überall mehr „German Mut“ und hält sich für die Partei der Innovation. Doch kaum kommt es hart auf hart, will deren Vorsitzender Christian Lindner alte Industrien als „Kulturgut“ schützen – und macht sich damit lächerlich. 

Nein, Fortschritt will man nicht bei der FDP. „Nach der Energiewende keine Verkehrswende!“fordert FDP-Chef Christian Lindner. Er will „berauschende Maschinengeräusche“ (= Autolärm) auf den deutschen Straßen erhalten und Sportwagen bauen einfach „nur aus Lust und aus Freude am technisch Machbaren“, weil das technisch Machbare nun einmal machbar ist und das schon genug Begründung ist.

Und auch die Energiewende, die zehntausende Arbeitsplätze in Handwerk und Industrie geschaffen hat, disruptive technologische Durchbrüche ermöglicht hat und weltweit als Erfolgsgeschichte gepriesen wird, möchte Lindner nicht. Stattdessen setzt er „weiter auf die Braunkohle“.

Es soll alles beim Alten bleiben, auf dass Deutschland genau so bleibe, wie es im Jahr 1960 einmal war.

Neue Konkurrenten aus dem Silicon Valley, allen voran Elon Musk mit dem Tesla und seinen Plänen für eine gigantische Batteriefabrik, wirbeln den globalen Automarkt durcheinander und bedrohen die fossil-traditionelle Autoindustrie. „Moonshoot“ nennt man im Silicon Valley ein solches Vorhaben, das so unerreichbar anmutet wie die Mondlandung, aber das man mit Mut und Energie dennoch schaffen kann. Aber was sagt Christian Lindner, Chef der selbsterklärten Mut-Partei? „Vor einem neuen Mega-Projekt kann man nur warnen.“ Bitte lieber kein technologischer Fortschritt und keine Disruption, weil das dem Standort Deutschland schadne könnte.

Norwegen, Holland, Österreich, Indien – immer mehr Länder wollen den Verbrennungsmotor ab 2025 oder 2030 verbieten und nur noch Fahrzeuge mit Elektroantrieb zulassen. Lindner lehnt solche Pläne ab: „Furor!“. Sein Gegenvorschlag: einfach so weitermachen wie bisher.

Und weil auch die deutschen Autobauer lange so weitergemacht haben wie bisher, weil den Deutschen ja ihr Kulturgut Verbrennungsmotor angeblich so heilig ist, ist die deutsche Auto-Industrie bei der Elektromobilität ins Hintertreffen geraten. Laut dem Electric Vehicle Index 2015 der Unternehmensberatung McKinsey haben japanische und chinesische Hersteller inzwischen Deutschlands Elektroauto-Hersteller inzwischen überholt, dicht gefolgt von den USA, die vor allem mit Tesla massiv in die Elektromobilität einsteigen. Obendrein ist Deutschland als Absatzmarkt für Elektrofahrzeuge ziemlich belanglos, abgeschlagen irgendwo weit hinter Norwegen, den Niederlanden, Frankreich, den USA und Dänemark.

Während Lindner den Verbrennungsmotor als Kulturgut schützen lassen möchte, kann er für die Batterietechnologie nur überall „warnen“, was alles nicht funktionieren könnte. Elon Musk wird sich Lindners Warnungen sicherlich zu Herzen nehmen und seine Company umgehend einstampfen. Wer braucht auch schon so neumodischen Krams wie einen Tesla?

Das Schlimmste an dieser Anti-Innovations-Haltung ist aber, dass sie auch außerhalb der Autobranche jeden Gründergeist zerstört. Große Pläne darf man wohl nicht mehr haben, weil sie zu viele Risiken, zu viele „Warnungen“ beinhalten. Ohne Risiken und ohne Pläne wird aber alles beim Alten belassen, und wir konservieren Deutschland in einem luftdicht verschlossenen Weckglas. Statt „German Mut“ betreibt die FDP eine Alte-Säcke-Politik. Auf eine solche Partei können wir getrost verzichten.

Zuerst veröffentlicht auf vorwärts.de