Der Merkel-Stunt auf Youtube: nur halb so nice

Vier Youtube-Stars interviewen Merkel. Das hehre Ziel: Erstwähler für die Bundestagswahl mobilisieren. Dabei war es ein Lehrstück für unfairen Wahlkampf.

Man kann das Youtube-Interview mit Merkel nicht verstehen, wenn man nicht seine Vorgeschichte kennt. Denn es war nicht das erste Mal, dass Merkel auf Youtube-Stars trifft. Vor zwei Jahren hatte das Kanzleramt ein Interview mit LeFloid lanciert: ein Typ mit Baseball-Cap, der eine Art „Tagesschau für Jugendliche“ macht, nur eben als halbernster Kommentar statt als überseriöse Nachrichtensendung. Das hat ihm 3,1 Millionen Abonnenten auf Youtube beschert.

Das Interview hat LeFloid viel Kritik beschert. Denn der sonst hyperfreche und pornogeile Youtuber war vor Ehrfurcht erstarrt, betont mehrfach seine Einigkeit mit der Kanzlerin, war sichtlich „schweinenervös“ (LeFloid über sich selbst). Selbst, als Merkel ihre Ablehnung der so genannten Homo-Ehe erklärte, stimmte LeFloid mit „Absolut!“ zu, obwohl er da eine ganz andere Meinung hatte. Eine Mega-Image-Show für Merkel.

Man kann es LeFloid nicht so richtig verübeln. Es war sein erstes Interview überhaupt, er war „nur ein fucking Youtuber, der die fucking Kanzlerin interviewen wollte“ (Le Floid über sich selbst), und im Nachgang erklärte er, er werde jetzt ganz bestimmt nicht die CDU wählen.

Das Experiment war es allemal wert, denn nichts bringt mehr Stillstand als „Keine Experimente“. Und wenn man nicht nur über die Jugend, sondern mit der Jugend reden will, dann ist Youtube einfach der Kanal der Wahl.

 

Nice: Ein zweiter Versuch!

 

Nun gab es einen zweiten Versuch. Diesmal gleich mit vier Youtubern: ItsColeslaw (Spezialistin für Fragen des Alltagslebens), Alexi Bexi (Technikfreak), Ischtar Isik (Mode und Schminke) und MrWissen2go (Nachrichtensprecher beim Kinderkanal), plus zwei weitere Youtuber als Moderatoren für drumrum. Einige davon kenne ich sogar persönlich, seit mich der Youtube-Space eingeladen hatte, dort vor versammelten Youtubern über mein Buch „Alte-Säcke-Politik“ zu sprechen. Und habe sie dort übrigens nicht nur kennen-, sondern auch schätzen gelernt.

Im ZDF-Interview sagte ich daher auch vor dem Interview sehr wohlwollend, das „sei ein richtiger und wichtiger Schachzug“ und dass ich gespannt sei, „was die vier draus machen“.

Dass es mit MrWissen2go nur einen einzigen gab, der Politik-Erfahrung vorweisen konnte, war eher Tugend als Makel: denn man wollte ja gerade diejenigen Jugendlichen ansprechen, die bisher nicht viel mit Politik zu tun hatten.

Und das hat super geklappt: Das Video selbst wurde binnen weniger Tage über 1,5 Millionen Mal geklickt, plus den eigenen Kanälen der Youtuber.

 

Weniger nice: die Umsetzung

 

Weniger nice: Das Interview wirkte wie kostenlose Wahlwerbung für die CDU. Merkel blieb über weite Strecken völlig unwidersprochen. Das lag auch an der Kürze der Zeit, aber auch an den Youtubern, die teils ähnlich unvorbereitet und schweinenervös daherkamen wie bereits LeFloid. Gelegenheiten für kritische Fragen hätte es viele gegeben, zum Beispiel…

…als es um soziale Gerechtigkeit ging: warum nicht mal fragen, warum die CDU gegen Mindestlohn und Mietpreisbremse kämpfte?

…als es um Bildung ging: warum nicht mal fragen, warum die CDU den mit viel Tamtam angekündigten digitalen Bildungspakt wieder in den Eimer kloppt?

…als es um Feminismus ging: warum nicht mal fragen, warum die CDU die Frauenquote bekämpfte?

So aber blieb alles reine Image-Show: die Youtube-Kanzlerin und hippe junge Youtuber auf allen Titelseiten. Ein Interview mit einem anderen Kandidaten war nicht vorgesehen, ließ die Produktionsfirma auf ZDF-Nachfrage wissen. (Inzwischen soll es wohl doch ein Interview mit Martin Schulz geben. Dann ist der Neuigkeitswert der Youtube-Show aber schon dahin.)

Dabei hatte die CDU-Parteizentrale übrigens gar keine Arbeit. Denn das Bundespresseamt organisierte netterweise das Wahlkampf-Gespräch.

Alles in allem: Das Youtube-Interview war ein Experiment, bei dem Dinge nun mal nicht glatt laufen; das haben Experimente so an sich. Aber ein Gramm mehr kritische Nachfragen statt Wohlfühlatmosphäre hätte man sich wünschen dürfen. Und, vor allem: Ein gleichberechtigtes Format zumindest mit einem weiteren Kandidaten, und zwar von Anfang an auf Augenhöhe geplant und nicht notdürftig hinterhergeschoben, wenn der News-Effekt schon verpufft ist.

Auch das hehre Ziel, Erstwähler zu mobilisieren, darf nicht durch unfaire Wahlkampfmethoden erkauft werden. Denn dadurch verlieren am Ende alle.